Löwy, Benjamin und die Ökologie

Zur Verleihung des Europapreises und des Walter-Benjamin-Sonderpreises

Der Europäischen Walter-Benjamin-Preises wird am 21. Januar 2021, ab 18.30 Uhr, in einer Online-Veranstaltung an Michael Löwy, den Preisträgers 2020, verliehen. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Camp de Rivesaltes statt.

Der erste Teil des Abends wird mit einem Dialog zwischen dem Historiker Denis Peschanski und dem Philosophen Bruno Tackels über das Erbe Walter Benjamins zu seinen geschichtsphilosophischen Thesen gestaltet. Dieser Austausch wird von Nathalie Raoux, Historikerin und Spezialistin für Walter Benjamin, geleitet.
Ab 19.30 Uhr findet die Verleihung des Europapreises und des Walter-Benjamin-Sonderpreises unter der Schirmherrschaft von Mona und Kim Benjamin, Enkelinnen des Philosophen, statt.
Im zweiten Teil des Abends wird an die große antifaschistische Widerstandskämpferin Lisa Fittko gedacht, deren Memoiren im Verlag Éditions du Seuil („La Librairie du XXIe siècle“) wieder herausgeben wurden. Dieses Werk wurde mit dem Walter-Benjamin-Sonderpreis ausgezeichnet. Anwesend sind Maurice Olender, der Verleger und Edwy Plenel, der dem Buch ein Vorwort vorangestellt hat. Nach Lesungen aus dem Buch diskutieren Maurice Olender und Edwy Plenel gemeinsam mit Eva Weissweiler, der deutschen Biografin von Lisa Fittko, über den politischen Werdegang dieser außergewöhnlichen Aktivistin.
Weitere Informationen sowie ein Interview mit dem Preisträger finden sich auf der Homepage der Veranstalter: https://prixwb.hypotheses.org/

Im Folgenden dokumentieren wir einen Auszug aus dem Interview, das Marc Berdet mit dem Preisträger Michel Löwy Ende 2020 gemacht hat: https://prixwb.hypotheses.org/797

MB: Nach deiner Doktorarbeit über die intellektuelle Entwicklung von Karl Marx hast du eine Habilitationsschrift über die intellektuelle Entwicklung von Georg Lukács von der Romantik zum Bolschewismus geschrieben. Diese Art von Soziologie der Intellektuellen führte dich zum CNRS und schließlich zu einem Labor für die Soziologie der Religionen. Es mag merkwürdig erscheinen, aber das liegt daran, dass Sie – unterstützt durch Ihre Begegnung mit Walter Benjamin 1979 – zunehmend der Ansicht waren, dass die Romantik und dann die Religion, weit davon entfernt, Ideologien der Realitätsflucht zu sein, auch die Träger einer fruchtbaren Kapitalismuskritik sein könnten. Können wir die Entdeckung der Romantik als einen Wendepunkt in deinem Denken betrachten?
[…]
ML: Mein Interesse an der antikapitalistischen Romantik geht auf meine Dissertation über Lukács zurück. Ich habe versucht, dieses Konzept zu verwenden, um seine frühen Schriften und seine Entwicklung zum Marxismus zu verstehen. In der Tat war dies ein Wendepunkt in meinem Denken, aber erst später, zusammen mit Robert Sayre, waren wir in der Lage, eine systematischere Hypothese über das Wesen der Romantik als eine Kritik der modernen (kapitalistischen) Zivilisation zu formulieren, die auf Werten der vormodernen Vergangenheit beruht. Von da an wird diese Hypothese in der einen oder anderen Form in den meisten meiner Schriften, auch über Walter Benjamin, präsent sein. Ich denke, dass diese Reflexion über die romantische Vision der Welt (immer noch ein Goldmann’sches Konzept) vielleicht, mit der Komplizenschaft von Robert Sayre, mein originellster Beitrag zu den Geisteswissenschaften ist. Es ist ein work in progress: Unser jüngstes gemeinsames Buch, das kürzlich erschienen ist, heißt Romantic Anticapitalism and Nature. The Enchanted Garden (Routledge, London, 2020). Es enthält ein Kapitel über Walter Benjamins romantisch/marxistische Ökologie.

MB: Deine Arbeit über die Romantik mit Robert Sayre und über die „Wahlverwandtschaften“ zwischen Messianismus und Utopie erscheint in Frankreich zu einer Zeit in der die Kultursoziologie von Gestalten wie Pierre Bourdieus und Emile Durkheims dominiert wird, eine Art „Soziologie der Sieger“, die sich auf die Logik der sozialen Distinktion und auf das als Zwang verstandene (von den Dominanten geprägte) Soziale konzentriert. Mit dem Konzept der Wahlverwandtschaft, das du bei Weber aufgreifst, um versunkene Kulturen, wie die jüdische Kultur Mitteleuropas in den 1930er Jahren, wieder aufzuwerten, formulierst du eher eine „Soziologie der Besiegten“, der Geschichtsvergessenen. Wie wurden deine Beiträge, die etwas aus dem Rahmen fallen, aufgenommen?

ML: Unsere Arbeit über die Romantik hat in Frankreich kein großes Echo gefunden: Sie wurde von den Spezialisten der Romantik ignoriert, für die diese ausschließlich ein literarisches Phänomen des 19. Jahrhunderts ist. Unsere Hypothese, die Romantik als eine in der modernen Kultur von Rousseau bis zur Gegenwart präsente Denkform zu sehen, war nicht nachvollziehbar. Es hat in Brasilien, England und den Vereinigten Staaten mehr Interesse geweckt, mit öffentlichen Debatten, Übersetzungen usw. Unsere marxistischen Freunde sind gespalten: Einige sind bereit, sich unserer Probleme anzunehmen, andere sind vorsichtig gegenüber einem „rückwärtsgewandten“ Ansatz, der den „Fortschritt“ in Frage stellt.
[…]

MB: Ein weiterer Aspekt deiner Arbeit ist die Befreiungstheologie. Nachdem Sie über messianische Ethik gegen den Geist des Kapitalismus geschrieben haben, schreibst du ein weiteres Kapitel, das bei Weber fehlt: das Kapitel über katholische Ethik und den Geist des Kapitalismus. Auch hier stellst du nicht, wie bei Weber, eine Art Komplizenschaft bei der Verfestigung einer Ordnung (wie zwischen dem katholischen Dogma und der bürgerlichen Ordnung oder zwischen der protestantischen Berufung und den kapitalistischen Ersparnissen) her, sondern eine Affinität bei ihrer Subversion dar. Vor allem in Lateinamerika scheint dir das Christentum von einem messianischen Glanz erfüllt zu sein, der in der Lage ist, das Gesetz der Mächtigen umzukehren. Es scheint, dass dieses Christentum der Befreiung über Zeit und Kontinente springt, um das Duell zwischen Thomas Münzer und Martin Luther nachzuspielen. Siehst du angesichts des Aufstiegs eines völlig in die Marktlogik integrierten Neoprotestantismus – vor allem in Brasilien – noch eine Chance für eine Begegnung zwischen religiösem Glauben und utopischer Wette?

ML: Lieber Freund, wir Soziologen tun uns schon schwer damit, die Phänomene der Vergangenheit zu verstehen. Was die Vorhersage der Zukunft angeht…
In meinen Büchern versuche ich zu erklären, dass das Befreiungschristentum, jene sozio-religiöse Bewegung, die Anfang der 60er Jahre in Brasilien entstand und sich dann in ganz Lateinamerika ausbreitete, etwas Wichtiges ist: Die meisten emanzipatorischen und/oder revolutionären Bewegungen der 60er Jahre bis hin zum Zapatismus am Ende des 20. Jahrhunderts sind zu einem großen Teil dieser Strömung geschuldet, deren organischer Ausdruck ab 1971 die Befreiungstheologie sein wird.

Walter Benjamin hat mir geholfen, die Befreiungstheologie zu verstehen, und andersherum. Die für viele Europäer unverständliche Allianz zwischen der Theologie und dem historischen Materialismus der These I (der geschichtsphilosophischen Thesen von Walter Benjamin. HB) nimmt in Lateinamerika die Form einer Massenbewegung an, die Hunderttausende von Menschen mobilisiert.

Der systematische Kampf der Päpste Woytila und Ratzinger gegen die Befreiungstheologie – der das Einverständnis mit dem Marxismus vorgeworfen wird – hat diese Strömung zweifellos geschwächt, ohne sie jedoch völlig neutralisieren zu können, besonders in Brasilien.  Indem der Vatikan das Befreiungschristentum delegitimierte, schuf er ein Vakuum, das bald von den reaktionären neopentekostalen Kirchen gefüllt wurde.

Mit der Wahl des argentinischen Papstes Bergoglio eröffnete sich eine neue Situation. Geprägt in Argentinien von der Theologie des Volkes, einer nicht-marxistischen Variante der Befreiungstheologie, zeigte sich Bergoglio viel offener für das Befreiungschristentum als seine Vorgänger. Und im Gegensatz zu ihnen sah er nicht den „atheistischen Kommunismus“, sondern die tödliche Ökonomie des globalisierten Kapitalismus als die Hauptbedrohung der Menschheit. Es mag sein, aber es bleibt abzuwarten, dass das Befreiungschristentum eine neue Gnadenzeit erleben wird …

MB: In jüngerer Zeit interessierst du dich für ein ökologisches Denken, das die „Notbremse“ ziehen und die Höllenlokomotive des Industriekapitalismus stoppen kann. Du findest in Benjamin, der dieses Bild gegen Marx verwendet, eine Inspiration, um eine Alternative zum „Progressivismus“ zu denken, die sowohl von der Rechten als auch von der Linken geteilt wird, und Sie vergleichen ihn mit Mariategui für seinen „Inka-Kommunismus“, der sich auf traditionelle Gemeinschaften stützt. Sie setzen Benjamin auch in das gleiche Boot (oder den gleichen Zug!) wie Kafka und Welles. Warum setzen Sie Benjamin in das gleiche Boot (oder den gleichen Zug!) wie Kafka und Welles? Mit wem müssen wir angesichts der uns drohenden Katastrophe noch „Pessimismus organisieren“?

ML:  …In einem kürzlich erschienenen kleinen Buch „Kafka, Welles, Benjamin. Éloge du pessimisme culturel (Ed. Du Retrait, 2019), vergleiche ich Kafkas »Der Prozess«, Orson Welles‘ Adaption und Benjamins Schriften aus der Perspektive dessen, was ich „revolutionären Pessimismus“ nenne. Das bedeutet keine passive Resignation, sondern, so Benjamin, den Versuch, „Pessimismus zu organisieren“, um die Bedrohung durch das „Pessimum“ zu bekämpfen. Heute nimmt diese Bedrohung zwei Hauptformen an: Neofaschismus und ökologische Katastrophe.

Einer der Gründe für die erstaunliche Aktualität Walter Benjamins im Jahr 2021 ist die Tatsache, dass er einer der ganz wenigen Marxisten seiner Zeit war, der Intuitionen entwickelte, die die Ökologie vorwegnahmen.

Bereits 1928 prangerte er in dem Buch »Sens Unique« (»Einbahnstraße«) die Idee der Beherrschung der Natur als „imperialistischen“ Diskurs an. Er bezieht sich auf die Praktiken vormoderner Kulturen, um die zerstörerische „Gier“ der bürgerlichen Gesellschaft in ihrem Verhältnis zur Natur zu kritisieren: „Die ältesten Bräuche der Völker scheinen sich als Warnung an uns zu wenden: um uns vor der Geste der Gier zu bewahren, wenn es darum geht, das anzunehmen, was wir von der Natur so reichlich erhalten haben“. Wir sollten „tiefen Respekt“ für die „Mutter Erde“ zeigen. Wenn eines Tages „die Gesellschaft unter dem Einfluss von Not und Gier so verzerrt ist, dass sie die Gaben der Natur nur noch durch Diebstahl erhält (…), dann wird der Boden verarmen und das Land wird schlechte Ernten bringen. Es scheint, dass dieser Tag gekommen ist…“

Wie wir aus diesem Zitat ersehen können, sah Benjamin archaische Gesellschaften als solche mit größerer Harmonie zwischen Mensch und Natur. Im Passagenwerk wendet er sich wiederum in schärfster Form gegen die Praktiken der „Beherrschung“ oder „Ausbeutung“ der Natur durch moderne Gesellschaften. Sie huldigt Bachofen, weil er gezeigt hat, dass die „mörderische Vorstellung von der Ausbeutung der Natur“ – eine kapitalistisch-moderne Vorstellung, die ab dem 19. Jahrhundert vorherrschte – in den matriarchalen Gesellschaften der Vergangenheit, in denen die Natur als großzügige Mutter wahrgenommen wurde, nicht existierte.

Für Benjamin – aber auch für Engels oder Elisée Réclus, die sich ebenfalls für den primitiven Kommunismus interessieren – geht es nicht um die Rückkehr in eine prähistorische Vergangenheit, sondern um die Aussicht auf eine neue Harmonie zwischen Gesellschaft und natürlicher Umwelt.

Einmal mehr findet Benjamin seine größte Relevanz in Lateinamerika. Im Jahr 2010 fand die Internationale Völkerkonferenz gegen den Klimawandel und zur Verteidigung von »Pachamama«, der Mutter Erde, in Cochabamba, Bolivien, statt, mit einer massiven Beteiligung von Delegierten aus indigenen Gemeinden. Die in Cochabamba verabschiedeten Resolutionen entsprechen fast wortwörtlich Benjamins Argumentation über den verbrecherischen Umgang der westlichen kapitalistischen Zivilisation mit der Natur, während die traditionellen Gemeinschaften sie als „großzügige Mutter“ betrachten.

Die Allegorie der Revolution als Notbremse im Zug der Geschichte wurde von Benjamin freilich nicht in Bezug auf die Ökologie gedacht. Doch heute bekommt es eine neue Bedeutung: Wir alle sind in einer selbstmörderischen Phase der modernen kapitalistisch-industriellen Zivilisation, die mit zunehmender Geschwindigkeit auf einen Abgrund zusteuert: Klimawandel, ökologische Katastrophe. Die sozial-ökologische Revolution ist die einzige Bremse, die diesen ökozidalen und nekropolitischen Wettlauf stoppen kann.

Heute erleben wir […]  dieser Neofaschismus unterscheidet sich vom klassischen Faschismus unter anderem durch sein Festhalten am Neoliberalismus, aber er teilt nicht weniger seinen Rassismus, seinen reaktionären Nationalismus, seinen Autoritarismus, seinen Hass auf das „Fremde“.

Walter Benjamin ist einer der marxistischen Denker, die uns helfen können, dieses Phänomen besser zu verstehen. Dies ist ein weiterer Grund, warum er auch im 21. Jahrhundert noch relevant ist. Als konsequenter Antifaschist war er einer der ersten, der bereits 1930 faschistisches Gedankengut in Deutschland anprangerte.

In den Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ (1940) findet sich eine scharfe Kritik an den Illusionen der in der Ideologie des linearen Fortschritts gefangenen Linken über den Faschismus, den sie als Ausnahme von der Fortschrittsnorm, als unerklärliche „Regression“, als Klammer im Vormarsch der Menschheit zu betrachten scheint. […]

Benjamin hatte ein perfektes Gespür für die Modernität des Faschismus, seine innige Beziehung zur zeitgenössischen industriell-kapitalistischen Gesellschaft. Daher seine Kritik in These VIII an jenen – denselben Leuten -, die erstaunt sind, dass Faschismus im zwanzigsten Jahrhundert „noch“ möglich ist, geblendet von der Illusion, dass wissenschaftlicher, industrieller und technischer Fortschritt mit sozialer und politischer Barbarei unvereinbar ist. Wir brauchen, bemerkt Benjamin in einer der vorbereitenden Notizen zu den Thesen, eine Theorie der Geschichte, von der aus der Faschismus entschleiert werden kann.

Nur eine Konzeption ohne fortschrittliche Illusionen kann ein Phänomen wie den Faschismus erklären, der tief im modernen industriellen und technischen „Fortschritt“ verwurzelt ist, der letztlich erst im zwanzigsten Jahrhundert – und, wie wir hinzufügen würden, im einundzwanzigsten – möglich war. Das Verständnis, dass der Faschismus auch in den „zivilisiertesten“ Ländern triumphieren kann und dass „Fortschritt“ ihn nicht automatisch verschwinden lässt, wird, so glaubt Benjamin, unsere Position im antifaschistischen Kampf verbessern. Ein Kampf, dessen Endziel die Herstellung des „wahren Ausnahmezustands“ ist, d.h. die Abschaffung der Herrschaft, die klassenlose Gesellschaft.“

(Übersetzung: Dr. Heiner Wittmann)

Zwei Aussenseiter in Ithaka-Dublin

Zum 80. Todestag von James Joyce

Als James Augustine Aloysius Joyce am 13. Januar 1941 kurz nach 2 Uhr morgens im Rotkreuzhospital in Zürich starb, hatte er sich durch den Roman »Ulysses« über den „Welt-Alltag der Epoche“ die Unsterblichkeit gesichert.[1] Der Roman erschien in der ersten Auflage 1922 im Verlag der Pariser Buchhandlung „Shakespeare and Company“ von Sylvia Beach am 2. Februar 1922 zum 40. Geburtstag von Joyce. Die Kapitel, die 1918–1920 in der amerikanischen Zeitschrift »The Little Review« vorab gedruckt worden waren, wurden wegen Obzönitäten beschlagnahmt. Insofern ist diese erste Fassung von diesen bereinigt worden und damit keine vollständig Ausgabe.

Cover der Erstausgabe von „Ulysses (Foto gemeinfrei)

Die 1000 gedruckten Exemplare waren schnell vergriffen. Harriett Shaw Weaver,[2] die Joyce seit 1914 unterstützte, finanzierte eine zweite Auflage, die auch in England verbreitet werden sollte. England, Irland, Kanada und Australien hatten das Buch auf den Index gesetzt. Über das Schicksal der zweiten Auflage schreibt Sylvia Beach „Die zweite Auflage wurde, wie die erste in Dijon gedruckt…aber sie trug den Vermerk: »Herausgegeben von John Rodker, Egoist Press«. Zweitausend Exemplare wurden produziert. Man brachte einen Teil per Schiff nach Dover, wo die Exemplare prompt beschlagnahmt wurden und »in des Königs Kamin« verheizt wurden – nach Miss Weavers war das der gebräuchlichste Ausdruck dafür. [..] Auch die in die Vereinigten Staaten geschickten Exemplare gingen zugrunde, wahrscheinlich hat man sie wie so viele junge Katzen im Hafen von New York ertränkt.“[3]

Erst mit einem berühmt gewordenen Urteil vom 6. Dezember 1933 über das anhängige Verfahren „Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen das Buch mit dem Titel ‚Ulysses'“ hob ein Richter namens John Woolsey den Bann auf. Irland folgte 1934, England 1936, Kanada erst 1949.[4]

Die erste vollständige und von Joyce autorisierte – durchaus anerkennenswerte – deutsche Übersetzung durch Georg Goyert erschien 1927 im Rhein-Verlag Zürich. Sie erhielt Kritik von Joyce Freunden aber auch viel Zuspruch, so in dem schon zitierten Beitrag von Hermann Broch[5]. 1938 wurde Joyce von dem Bochumer Lehrer und Anglisten Karl Arns im ersten Band seines Index der anglo-jüdischen Literatur (1938) denunziert. Dort schreibt Arns auf Seite 6: „… trotzdem lassen wir eine Liste solcher nicht-jüdischer Autoren folgen, die Juden und jüdische Motive behandeln…“[6]. Dass Joyce keineswegs Jude war, spielte für die Nazis keine Rolle. Die Hauptgestalt des Leopold Bloom im »Ulysses« und der avantgardistische Stil von Joyce reichten aus, die Bücher von Joyce aus den deutschen öffentlichen Bibliotheken zu entfernen.

Von der Schwerverständlichkeit des Werkes ist nicht nur in der Anfangszeit, sondern auch bis in die Gegenwart viel gesprochen worden. Laut Broch war quasi die Zeit einer Generation notwendig, bis man die „Zeitgerechtheit“ des Romans zu erkennen begann. Es geht um einen Quer- und Längsschnitt durch das Jahrhundert am 16. Juni 1904 in Dublin. Der Blick auf 16 Stunden im Leben des jüdisch geborenen und dreimal getauften Durchschnittsbürgers Leopold Bloom, von Beruf Anzeigenakquisiteur, und den korrespondierenden Weg des zweiten Protagonisten, des Jesuitenschülers und Dichtergelehrten Stephan Dädalus, ist ein komplexes historisches, literarisch, wissenschaftliches und sprachlich explodierendes Jahrhundertwerk. Es hat seine Wurzeln in der Odyssee und zahlreichen weiteren literarischen Werken Europas bis in die Gegenwart.

Axel Schmitt hat in seiner Besprechung für die 2004 im Großformat mit umfangreichen Erläuterungen erschienene Sonderausgabe aus dem Suhrkamp Verlag kurz und präzise die einzigartige Stellung dieses Jahrhundertromans definiert:

„Joyce‘ „Ulysses“ erhält diese Plastizität und Tiefendimension auf dreierlei Weise: 1. durch die von Kapitel zu Kapitel wechselnde Erzähltechnik, die vom objektiven Erzählstil (Er-Form) über die erlebte Rede und den inneren Monolog bis zur Dramatisierung und schließlich zur Auflösung der Szene in Frage-und-Antwort-Spiele reicht; 2. durch eine in der bisherigen Romanliteratur unerreichte Präzision und Rücksichtslosigkeit in der Darstellung feinster, bis in die Zonen des Vor- und Unbewussten reichender psychischer Regungen, Vorstellungen und Wünsche; 3. durch die Verwendung von Homers „Odyssee“ als mythisch-poetischer Folie, als Rahmen und Deutungssystem, das die trivial-moderne Szenerie ständig relativiert, parodiert und in Relief setzt.“[7]

Vermutlich ist es vielen Leserinnen und Leser des »Ulysses« wie dem Autor dieser Zeilen ergangen. Man fühlt sich verpflichtet, bemüßigt oder animiert dieses Buch ebenso wie den »Zauberberg», den »Mann ohne Eigenschaften« oder auch »Die Suche nach der verlorenen Zeit« zu lesen und kommt über die ersten 100 Seiten im Anlauf nicht hinaus. Die Vielfalt der Themen, Bezüge, Beschreibungen und Referenzen scheinen dem Lesen im Wege zu stehen. Dabei lassen sich diese Hürden mit der von Dirk Vanderbeke und anderen herausgegebenen sowie kommentierten Sonderausgabe in der Übersetzung von Hans Wollschläger leicht überwinden.

Jedes Kapitel beginnt mit einem Einführungstext. Einfach und übersichtlich ist in der Marginalspalte und am Fuß jeder Seite der Stellenkommentar untergebracht. Ebenfalls beigefügt sind Stadtpläne von Dublin, ein Personenverzeichnis und eine Strukturübersicht zum Aufbau des Werkes. Wer das Buch nicht hat oder erwerben kann, findet alle strukturellen Hinweise ebenfalls mit einem kurzen Einführungstext für alle 18 Kapitel im Internet.[8]

Stuart Gilbert hat eine klug verfasste Untersuchung zum Verständnis des Buches unter dem Titel »Das Rätsel Ulysses« vorgelegt, die in erster deutscher Auflage 1932 ebenfalls im Rhein-Verlag erschienen ist.[9]

Das englische Original dieses Buches nutzte Hans Mayer als er den Abschnitt über »Leopold Bloom als Odysseus« für seine »Aussenseiter« schrieb. Begonnen hatte die Arbeit an seinem wohl berühmtesten Buch im zwanzigsten Stock eines Hochhauses am Lake Michigan. „Fünf Jahre planvoller Arbeit an dem neuen Buch sind weitgehend Leben gewesen unter den Amerikanern: mit dem Truthahn-Dinner am Tag des einstmals biblischen Erntedankes; […] Der Außenseiter in der Menge. Das war ein quälendes Phänomen des 19. Jahrhunderts: als sich die bürgerliche Gesellschaft zur Kenntlichkeit entwickelte. Bei Baudelaire und E.A. Poe geht es um die gleiche  fixe Idee. Die hilflose Einsamkeit in einer Welt der Anderen.“[10]

In Gilberts Buch fand Mayer den Hinweis, den Joyce diesem über ein Buch des französischen Altphilologen Victor Bérard zur »Odyssee« gegeben hatte. Aufgrund seiner Recherchen hatte er sie als „ein ursprünglich phönizisches, also semitisches Logbuch interpretiert.“ [11] Die bekannten Hinweise auf Ahasvers ewige Wanderschaft in Bezug auf Blooms Gang und Ulysses Wanderung reichen Mayer deshalb nicht aus: „Man wird folglich davon ausgehen müssen, daß Joyce die odysseischen Abenteuer, sowohl bei Homer wie hier in der irischen Hauptstadt und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als jüdische Erleidnisse versteht.“[12] Die Struktur des »Ulysses« interpretiert Mayer so als erst getrennte und dann gemeinsame Tagesreise des semitischen Odysseus und seines griechisch-irischen Homer. Beide sind Außenseiter. „Stephan ist Ire und Katholik, doch bricht er aus der Gemeinschaft aus, seine Bücher und poetischen Visionen entfremden ihn der Umwelt. In Trunk und Blasphemie sucht er die Gemeinschaft abzuschütteln. … Leopold Bloom…kommt in seinen inneren Monologen von diesem Jüdischsein nicht los.“[13]

Das Kapitel in dem dies am deutlichsten ausgeführt wird, ist das 12. Kapitel „Kyklop“, in dem, bezogen auf den einäugigen Riesen in der Odyssee, Bloom den als »Bürger« bezeichneten Nationalisten und Antisemiten mit dessen Saufkumpanen trifft. Während des ganzen, zum Teil heftigen Gespräches, schwankt Bloom zwischen dem was er sein will – ein echter Ire – und dem was er als Aussenseiter ist. Im 16. und 17. Kapitel erzählen Bloom und Dädalus woher sie kommen und wer sie sind. Wahrhaftigkeit, Identität und Herkunft sind wesentliche Themen. Doch auch der Versuch der Schreib-Technik im 17. Kapitel „Ithaka“, von Joyce als „Katechismus“ bezeichnet, führt trotz der „scheinbar objektiven und äußerlich exakten Darstellung“[14] nicht zur Klarheit, da Gedanken und Gefühle handlungsbestimmend und interpretierend sind. So kommt Mayer zu der Einsicht: „Bloom und Stephen bleiben draußen. Sie verkörpern die Gleichzeitigkeit der Ausfahrt mit der Heimkehr. Aber die Ausfahrt des Stephen Dädalus führt, im >Ulysses< nicht weg von Dublin. Und die Heimkehr Blooms zu seiner träumenden Penelope ist auch keine.“[15]

Was Blooms Penelope, mit bürgerlichem Namen Molly Bloom, in ihrem inneren Monolog über 78 Seiten in 8 Sätzen über ihre Herkunft, ihr Leben mit Bloom und die erotischen Erfahrungen mit anderen Männern ausführt, sei der individuellen Lektüre überlassen. Sie lohnt sich, genauso, wie das Lesen dieses Jahrhundertwerks immer noch ein literarischer Genuss ist.

Heinrich Bleicher

[1] Hermann Broch, James Joyce und die Gegenwart, in: Hermann Broch der Denker, Zürich 1966, S. 74-106. Den zugrunde liegenden Vortrag hatte Broch am 22.4. 1932 in der Volkshochschule in Wien gehalten.
[2] Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Harriet_Shaw_Weaver (Zugriff am 12.1.2021) Harriet Shaw Weaver war eine Frauenrechtlerin und Journalistin sowie Herausgeberin. Als linke Aktivistin trat sie erst der Labour Party und dann der Communist Party bei.
[3] Sylvia Beach, Treffpunkt – ein Buchladen in Paris, München 1963, S.129
[4] Wolfgang Wicht, Ein Jahrhundert.-. Roman: Ulysses von James Joyce, zitiert nach https://www.via-regia.org/bibliothek/pdf/heft70_71/wicht_ein_jahrhundert_roman.pdf.
[5] Siehe Fn 1
[6] Zitiert nach dem Wikipedia-Eintrag über Goyert. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Goyert#cite_note-2. (Zugriff 12.1.2021)
[7] Axel Schmitt, Ulyssism, James Joyce und der „Welt-Alltag einer Epoche“ am 16. Juni 1904, in: literturkritik.de https://literaturkritik.de/id/7166. (Zugriff am 10.1.2021)
[8] Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Ulysses
[9] Inzwischen gibt es eine Taschenbuchausgabe davon im Suhrkamp-Verlag. Ebenso hilfreich ist auch das Buch von dem Joyce-Biographen Richard Ellmann, Odysseus in Dublin, Frankfurt 1978
[10] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen II, Frankfurt 1984, S. 388-393
[11] Hans Mayer, Aussenseiter, Frankfurt 1975, S. 407
[12] Hans Mayer, ebenda
[13] A.a.O. S. 408f
[14] James Joyce, Ulysses, Frankfurt 2004, S. 896
[15] Hans Mayer, a.a.O. S. 412f

Erkennen, Denken und Verstehen

Friedrich Dürrenmatt zum 100.

In einer kleinen Stadt, deren Namen nicht Güllen ist, hob sich am Donnerstag dem 19. Dezember 1968 der Vorhang in der Aula des Gymnasiums zu einem der frühesten Stücke Friedrich Dürrenmatts: »Romulus der Große«. Die Uraufführung hatte am 25. April 1949 im Stadttheater Basel stattgefunden und im Oktober folgte dann schon die nächste Inszenierung in Göttingen. In den knapp 20 Jahren danach hatte sich politische Entwicklung Europas entscheidend verändert, aber das Thema Frieden und die Konflikte einer vom Kapital bestimmten Gesellschaft hatten ihre Bedeutung behalten. Die Laienspielerinnen und -spieler der Schule in H. waren nicht nur von Dürrenmatt aufgeweckt worden. Der Darsteller des Romulus reckte als Schulsprecher die schwarzbehandschuhte Faust beim Thema Vietnamkrieg und Dylans »Blowing in the wind« war die Begleitmusik zu weiteren Protesten.

Im Jubiläumsband der Schule heißt es zu dieser Zeit in einem Beitrag des Sportlehrers: „Jetzt wurde der Unterricht bewußt durch Fragen nach dem Sinn jeder Aufgabe gestört…Gott sei Dank lief die Welle nach wenigen Jahren aus. Was blieb, war eine allgemeine Verunsicherung und manche Zweifel an der Berechtigung von Teilen des Lehrplanes.“ Was zum Glück auch erhalten blieb war das Weiterleben der Theatergruppe mit neuen Schülerinnen und Schülern. 1985 gab es »Die Physiker« und 1994 wieder »Romulus den Großen«.

Wenn heute – zu seinem 100. Geburtstag – in zahlreichen Medien-Beiträgen an Dürrenmatt erinnert wird, wird in aller Regel meist »Der Besuch der alten Dame«, »Die Physiker« sowie die Kriminalromane »Der Richter und sein Henker« (1950), »Der Verdacht« (1951) und »Das Versprechen« (1958) hervorgehoben.

Dürrenmatt hätte eine Neubewertung und Aufführung seiner Komödien verdient. Solche wie die wohl glänzende Theateraufführung von „Romulus dem Großen“ am Deutschen National Theater in Weimar.[1] Kurz gefasst der Inhalt laut Klappentext: »Kaiser Romulus Augustus hält das römische Weltreich für unmoralisch und will es als >Richter Roms< liquidieren, indem er 467 n. Chr. tatenlos die einmarschierenden Germanen erwartet. Germanenfürst Odoaker freilich, ein leidenschaftlicher Hühnerzüchter wie Romulus, hat keinen sehnlicheren Wunsch als sich zu unterwerfen, um zu verhindern, daß die Germanen >endgültig ein Volk der Helden< werden.« Konterkarierend könnte man sich eine Inszenierung vorstellen, die den Untergang des Imperiums USA unter dem noch amtierenden Präsidenten zum Thema hätte.

Weitgehend unterbelichtet in den bisherigen Würdigungen zum 100. Geburtstag ist – was keine Minderung der Theaterstücke beinhalten soll – der politische Dürrenmatt. In seinen „Gedenkworten“ auf Dürrenmatt stellt Hans Mayer am
6. Januar 1991 im Schauspielhaus Zürich fest: „Dürrenmatt ist Philosoph, was bei ihm stets auch geheißen hat: ein Theologe jenseits der Theologie. […] Dieser scheinbare Verächter der Geschichte, der die historischen Puppen tanzen läßt in der Komödie »Achterloo«, kam nicht los von der Geschichtsphilosophie. Der Politiker Dürrenmatt kann nur von dieser Antinomie her verstanden werden. Er meinte stets weit mehr als den unmittelbaren Anlaß seines Zornes.“[2]

Deutlich wird dies auch an der Arbeit des Schriftstellers, der im Sinne Dürrenmatts, so Mayer, erkennen, denken und verstehen wollte. Als eines der wichtigsten Bücher Dürrenmatts sieht er den »Essay über Israel«[3]. Der ist entstanden „als Bericht über die verzweifelte und vergebliche Umarbeitung einer als »unangemessen« empfunden Rede eines Gastliteraten, der im Lande sieht, wie alles vorher Gedachte und Geschriebene zurückschlägt, ins Gegenteil sich verkehrt.“[4]

Scharfsinnig und facettenreich analysiert Mayer in seinem Beitrag »Dürrenmatt in Jerusalem«[5] den Essay, der gleichzeitig Reisebericht und theologisch-politisches Traktat ist. Es geht um das „dramaturgische Spiel und Gegenspiel zwischen jüdischer und arabischer Tradition“. Das Ziel des immer wieder umgearbeiteten Textes ist der Versuch Dürrenmatts, die Notwendigkeit des Staates Israel zu beweisen. Als Dialektiker kommt er zu dem Fazit: „Israel kommt nicht mehr darum herum, einen palästinensischen Staat zuzulassen, und die Palästinenser kommen nicht mehr darum herum einzusehen, daß nur noch Israel inmitten dieser unstabilen politischen Konstellationen ihren Staat zu garantieren vermag: Sie sind beide aufeinander angewiesen.“[6]

Georg Hensel, der Laudator für den Büchner-Preisträger Dürrenmatt zitierte von einer Begegnung mit Brecht:
„Auch Dürrenmatt und Brecht, als sie einander begegneten – es war nur ein einziges Mal, 1948 in Basel, – stritten sich vorsichtshalber nicht über Gott und die Welt, sondern über Zigarren. Dürrenmatt erzählte darüber: »Als ich Brecht sagte, daß die blonde Havanna, die ich rauchte, stärker ist als seine schwarze Brasil, fiel sein Weltbild zusammen, zum ersten und einzigen Mal.« Nicht Brechts Galilei, sondern Dürrenmatts Physiker sind der stärkere Toback. Über Brecht schrieb Dürrenmatt später den souveränen Satz: »Seine Irrtümer waren nie die meinen, ich irre mich anders.«“[7]

Erfreulich ist, dass die »Büchergilde Gutenberg« zum Jubiläumsjahr eine neue Auflage der gesammelten Werke Dürrenmatts herausgegeben hat, getrennt nach Prosa und dem dramatischen Werk. Man kann natürlich auch jedes Dürrenmatt-Buch einzeln erwerben. Das Urteil der »Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung« bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preis 1986 bleibt weiterhin gültig: „Friedrich Dürrenmatt dem Dramatiker von internationalem Rang und Ruf. Seine Erzählungen, Essays und Theaterstücke, die Mythologie, Wissenschaft und Philosophie umspannen, stellen sich den großen Fragen der Gegenwart mit weitem historischen Horizont, mit exakter Phantasie, mit Weisheit und Witz.“[8]

 

[1] Siehe http://www.eckhard-ullrich.de/theatergaenge/2021-duerrenmatt-romulus-der-grosse-dnt-weimar (Gemeint ist nicht die Aufführung unter der Regie von Thomas Dannemann)
[2] Hans Mayer, Der Meteor, in: ders., Frisch und Dürrenmatt, S. 75-85, Frankfurt 1992, hier S. 76
[3] Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge. Essay über Israel. Eine Konzeption, Zürich 1976
[4] Hans Mayer, Der Meteor, S. 83
[5] Hans Mayer, Frisch und Dürrenmatt, S. 56-67. Erstmals erschienen ist dieser Beitrag in »Die Zeit« Nr. 16 vom 9. April 1976 unter dem Titel „Die Zukunft ist immer utopisch“.
[6] Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge, zitiert nach der 7bändigen Diogenesausgabe, Band 6, Zürich 1991, S.772
[7] Siehe: https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis/friedrich-duerrenmatt/laudatio (Zugriff am 4.1.2021)
[8] A.a.O.

Erinnerungen an einen großen Demokratiefreund mit starker Courage

Die Tage zwischen den Jahren dienen dem Rückblick auf das vergangene Jahr und auch dem Erinnern. In dieser Zeit erreichte mich eine Mail von Welf Schröter, einem Mitglied der HMG, mit der Bitte um Veröffentlichung eines Textes, in dem er an den tschechischen Autor und Literaturwissenschaftler Antonin Jaroslav Liehm und sein Wirken im „Prager Frühling“ erinnert.

Gibt es eine Verbindung zu Hans Mayer und diesen Ereignissen?, war die Frage, die mir durch den Kopf ging. Das Stichwort dazu ist „Kafka“[1]. Für ihn und andere damals moderne Autoren wie Joyce war Mayer vehement zu seiner Zeit als Professor in Leipzig eingetreten. Gegen die Parteidoktrin vom „Sozialistischen Realismus“, die in aller Vehemenz nach dem niedergeschlagenen Ungarnaufstand durchexerziert wurde. Dem setzte Mayer Widerstand in unterschiedlichster Form entgegen. Einer seiner Schüler, Helmut Richter, promovierte beim ihm über „Werk und Entwurf des Dichters Franz Kafka“ [2]. Als der musikalische und literarische „Prager Frühling“ 1963 an der Moldau begangenen wurde, war Richter am 27./28. Mai mit einer DDR-Delegation unter Leitung von Anna Seghers bei einer großen Kafka-Konferenz, die von Eduard Goldstücker, damals einer der führenden Germanisten an der Karls-Universität, einberufen worden war. Mehr als 100 weitestgehend marxistische Literaturwissenschaftler und Philosophen war zugegen. Unter ihnen Roger Garaudy aus Frankreich, Ernst Fischer aus Wien. Berichte über die sehr offenen geführten Debatten zeigen, dass die DDR-Delegation zu der auch Klaus Hermsdorf, der bei Alfred Kantorowicz über Kafka promoviert hatte, entgegen der Sichtweise Mayers nicht zu einer progressiven, fortschrittlichen Haltung zu Kafka und seinem Werk neigten. Die inzwischen als legendär geltende Konferenz in Liblice kann durchaus als literarischer Vorfrühling der Ereignisse von 1968 in der Tschechoslowakei gesehen werden. 

Als Hans Mayer 1992 auch durch den inzwischen habilitierten Helmut Richter die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig verliehen wurde, erinnerte der Gelobte an seinen ehemaligen Schüler Pawl Petr, der 1968 aus Prag weggehen mußte und später Professor an der Universität in Melbourne wurde. Hier nun der Beitrag Welf Schröters:

Nachgedanken zum Tod von Antonín J. Liehm, einem Gesicht des „Prager Frühlings“
Als er im Sommer 1978 in Tübingen ankam, dachte er zuerst an Karola und Ernst Bloch, die sich im Jahr 1968 öffentlich auf die Seite des „Prager Frühlings“ gestellt und sich politisch schützend vor den Präsidenten des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes Eduard Goldstücker gegen die sowjetische Okkupation gestellt hatten. Doch der tschechische Autor und Literaturwissenschaftler Antonín Jaroslav Liehm reiste an den Neckar auf Einladung einer kleinen Gruppe von Tübinger Studentinnen und Studenten, die sich 1978 mit den demokratischen Oppositionsbewegungen in Polen, in der CSSR, in der DDR und in Ungarn solidarisierten. Aus Anlass des zehnten Jahrestages des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen hatten wir einige Akteure des damaligen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, die vor den Panzern und der erzwungenen autoritären „Normalisierung“ nach Westeuropa geflüchtet waren, nach Tübingen eingeladen. Es galt, an die brutale Niederwalzung einer Demokratiebewegung zu erinnern. Antonín Liehm sprach in fließendem Deutsch über die Hoffnungen des „Prager Frühlings“ und über die große Bedeutung der Literatur in der stalinisierten Gesellschaft der CSSR der fünfziger und sechziger Jahre. Liehm war Literat und Redakteur. Er schrieb und brachte Zeitungen hervor. Sein Name ist mit Vaclav Havel, Ludvík Vaculík,und Milan Kundera verbunden. Er war Chefredakteur der Zeitschrift Litérarní noviny und scharfer Kritiker des Antisemitismus. Antonín Liehm und seine Freunde wollten dem „Prager Frühling“ eine Phase des gesellschaftlichen öffentlichen Lernens folgen lassen. Die Bürgerinnen und Bürger sollten durch Literatur und die Vielfalt der Literatur die Vielfalt der Demokratie und des demokratischen Miteinander erkennen. In seiner Emigration in Paris blieb Liehm seinem Handwerk treu. Er gründete das renommierte Blatt „Lettre international“. Sein Auftreten in Tübingen, seine ruhige, gelassene Art des Sprechens hinterließen einen tiefen Eindruck. 1978, zehn Jahre nachdem Panzer den Wenzelsplatz besetzten, sprach Liehm von Hoffnung. Trotzalledem. Mit seiner Hoffnung sollte er Recht behalten. Zwei Jahre nach seinem Besuch brachte die Gewerkschaft Solidarnosc das polnische Regime ins Wanken.

Antonín Jaroslav Liehm ist in seiner Geburtsstadt Prag am 4. Dezember 2020 im Alter von 96 Jahren gestorben. Er war ein Mann, der von Zurückhaltung und einer uneingeschränkten Loyalität zur Idee der Demokratie geprägt war. Es gibt Momente, die in der Erinnerung haften bleiben. Die Begegnung mit ihm war ein solch besonderer Moment.

Welf Schröter

[1] Heinrich Böll, Der Panzer zielte auf Kafka, Köln 2018
[2] Helmut Richter, Franz Kafka. Werk und Entwurf, Rütten & Löhning, Berlin 1962

»Bucklicht Männlein und Engel der Geschichte«

Eine phantastische, stark auch bildgeprägte Ausstellung, veranstaltete das »Werkbundarchiv Berlin« vom 28. Dezember 1990 bis zum 28. April 1991 im Martin-Gropius-Bau zum 50. Todestag von Walter Benjamin. Den Festvortrag zur Eröffnung der Ausstellung hielt Hans Mayer unter dem Titel »Walter Benjamin als Denker im 20. Jahrhundert«.

Die Intention der Ausstellung ging dahin, „Denkbilder“ zu entwerfen. Was Benjamin zur Geschichte der Kunst sage, gelte auch für die Darstellung seines Denkens: Sie »kann nur aus dem Standpunkt der unmittelbaren, aktualen Gegenwart geschrieben werden; denn jede Zeit besitzt, die ihr eigene, neue, aber unvererbbare Möglichkeit, die Prophetie zu deuten, die die Kunst von vergangenen Epochen gerade auf sie enthielt.«[1]

Eine Veröffentlichung oder ein Manuskript des Festvortrages von Hans Mayer konnte bisher nicht ermittelt werden. Gut ein Jahr später, hielt er an seiner alten Wirkungsstätte, der Universität Leipzig, eine Rede zum hundertsten Geburtstag Walter Benjamins. Der den Inhalt dieser Rede aufnehmende Essay beginnt mit den Worten: „Walter Benjamins Bedeutung als Kulturkritiker des 20. Jahrhunderts, das für ihn in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann, nimmt zu.“[2] Die im Folgenden dann ausgeführten Überlegungen dürften im Grundsatz wohl auch in dem Festvortrag zu der Berliner Ausstellung enthalten gewesen sein. Bei der Universitätsrede, deren Beginn im Internet zu hören und zu sehen ist[3], machte Mayer einen Parforceritt durch das Leben und die Werke Benjamins. In den Ausführungen zu den Thesen »Über den Begriff der Geschichte« kommt Mayer auch auf den Engel der Geschichte zu sprechen, der auf eine einzige Kette von Begebenheiten zurückschaut, die Katastrophe an Katastrophe reiht. Aber: „Walter Benjamin hat es nicht preisgegeben das »Prinzip Hoffnung«. Auch der Engel der Geschichte leugnet es nicht, wie könnte er denn? In einer sehr tiefgründigen Studie über Walter Benjamin hat Peter Szondi von einer »Hoffnung im Vergangenen« gesprochen.“[4]

Hans Mayer im Gespräch mit Irene und Hans Joachim Neyer           (Foto: Jürgen Henschel)

Hubert Kolland, Mitglied der Hans-Mayer-Gesellschaft, hat uns einen schönen, anekdotenhaften Text zugesandt, den ein damaliger Mitarbeiter des Werkbundarchivs aus einer Begegnung mit Hans Mayer nach der Ausstellungseröffnung gehabt hat:

„Walter Benjamin war seit den 1970er Jahren wiederentdeckt worden, und zahlreiche Wissenschaftler befassten sich mit dem Schriftsteller und Philosophen. Das Werkbund Archiv Berlin konzipierte unter dem Titel „Bucklicht Männlein und Engel der Geschichte, Walter Benjamin, Theoretiker der Moderne“ vom Dezember 1990 bis zum April 1991 im Berliner Martin-Gropius-Bau eine Ausstellung zum 50. Todestag Benjamins. Im Ausstellungsmagazin finden sich zahlreiche Beiträge von Kennern des Werkes. Unter ihnen war natürlich auch Hans Mayer.

Und es gelang, den berühmten Professor für einen Vortrag im Werkbundarchiv zu gewinnen! Am 27.12.1990 fand diese Veranstaltung abends statt. Er genoss es, von zahlreichen jungen Menschen hofiert zu werden. Nach seinem Vortrag jedoch strebten die Zuhörer nach Hause oder aber in die großen Ausstellungsräume.

Auch wir gingen langsam den breiten Flur hinunter. Dort stand am Ende – völlig alleingelassen – Professor Mayer. Wir gingen auf ihn zu und sprachen ihn an. Er schimpfte und war sehr echauffiert, dass man ihn einfach nicht mehr beachtete und sich um ihn kümmerte. Er wollte sofort zurück in sein Hotel, so etwas sei ihm noch nie passiert!

Zu dieser Zeit fuhren wir noch einen schönen alten Mercedes. Wir redeten auf ihn ein und boten ihm an, ihn in sein Hotel zu fahren. Er nahm das Angebot an, und wir kutschierten ihn dann einigermaßen standesgemäß zum Hotel Berlin am Lützowplatz. Zum Abschied schien er wieder etwas besänftigt zu sein.“

Irene und Hans Joachim Neyer
Irene und Hans Joachim Neyer arbeiteten damals im Werkbundarchiv.
Hans Joachim Neyer war bis 2012 Direktor des Wilhelm Busch-Museums in Hannover.

[1] Zitiert nach „Bucklicht Männlein und Engel der Geschichte“ , Ausstellungsmagazin, Gießen 1990, S. 7.
[2] Hans Mayer, Der Zeitgenosse Walter Benjamin, Frankfurt am Main 1992, S. 9
[3] https://www.youtube.com/watch?v=c3YXKfqxsIQ
[4] Hans Mayer, Der Zeitgenosse, S.75f

Die „Duldung“ des Autors

Schriftsteller im Netz des Ausländerrechts – Rainer Maria Rilke und Hans Mayer in der Schweiz

 I. Der halblegale Aufenthalt als „Duldung“

Goethe schreibt in den »Maximen und Reflexionen«: „Toleranz muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“.[1]

Er meinte damit nicht den spezifisch-neuzeitlichen Begriff des „Aufenthaltstitels“ Duldung. Das mit der Entstehung von Nationalstaaten einhergehende Aufenthalts- oder Ausländerrecht war zu seiner Zeit noch kaum entwickelt: Und doch passt dieser Begriff exakt für diesen „Titel“, wenngleich er unter diesem Aspekt von der Literaturwissenschaft bis heute kaum untersucht wurde.

Bisweilen jedoch sollten jedoch Literaturwissenschaftler bei der Analyse der Biografie von Autoren Vertretern anderer Fachrichtungen den Vortritt lassen, ja vielleicht sogar deren Erkenntnisse zum Anlass eigener Untersuchungen nehmen. Dies gilt vor allem dann, wenn Umstände im Leben eines Autors mit literaturwissenschaftlichen Mitteln weder geklärt noch auf ihre Bedeutung für dessen Werk untersucht werden können.

Im Gegenteil: Dem Nur–Literaturwissenschaftler bleiben manche Umstände im Leben des Autors bisweilen gänzlich verborgen oder werden von ihnen in ihrer Bedeutung für das Werk des Autors nicht erkannt.

Mir fiel dies aufgrund eigener jahrelanger Erfahrungen als „Ausländeranwalt“ bei der kritischen Analyse der Biografien Rainer Maria Rilkes und des Literaturwissenschaftlers (!) und Autors Hans Mayer auf. Beide hatten – wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher Intensität – Begegnungen mit einem illegalen oder – schlimmer noch – halblegalen Aufenthalt. Und zwar in Gestalt einer behördlichen Willkür freien Lauf lassenden „Duldung“. In ihrem Fall in der Schweiz. Diese „Duldungen“ hatten – wie bei allen Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben – zweifellos gravierende Folgen für ihr Leben, für ihr Sicherheitsempfinden, für ihre Arbeit. Dabei war und ist es vor allem das Gefühl des Ausgeliefert-Seins an die Willkür einer unberechenbaren Behörde und der schwierige Kampf um die Sicherung des Aufenthaltes, die ihre Lage kennzeichnete.

Das was man als „illegalen Aufenthalt“ bezeichnet, ist für den Betroffenen nicht nur von fundamentaler existenzieller Bedeutung. Es ist gleichzeitig – trotz aller Unterschiedlichkeit der jeweiligen Rechtsordnungen – zu nahe zu allen Zeiten ein gleichbleibendes Phänomen: Es fängt an bei der illegalen Einreise in ein Land, die auf zweifacher Weise vorkommen kann: Die Einreise ohne Pass oder die Einreise ohne Visum. Es geht weiter zum illegalen Aufenthalt der – solange der Betroffene nicht abgeschoben wird oder abgeschoben werden kann – übergeht in den unsicheren Status der bloßen Duldung.

Geändert hat sich dies nach 1945 nur durch das Recht der politischen Flüchtlinge, das aufgrund der Erfahrungen politisch Verfolgter im Exil einen scheinbaren sicheren Status erfuhr. Doch wurde das Asylrecht bekanntlich nicht nur in Deutschland weitgehend zurückgeschraubt, auch die Struktur und die Funktionsweise des Aufenthaltsrechts stammt immer noch aus der Zeit von vor 1945.

II.  Die Duldung des Juden und „Roten Kämpfers“ Hans Mayer
Im Gegenteil: In manchen Bereichen werden das Aufenthaltsrecht und das Grenzregime noch strikter gehandhabt als dies zuvor der Fall war: Ohne Pass und ohne gültige Papiere reiste der politisch Verfolgte Hans Mayer 1933 über Belgien und Luxemburg nach Strasbourg.[2] In Belgien fragte ihn niemand im Hotel nach seinen Papieren.[3] Der Deutsch-Schweizer Dr. Leo Jenni brachte ihn ohne Pass und Visum von Frankreich nach Genf, bevor er im Laufe der folgenden Jahre mehrfach ohne jede Kontrolle „die Grenze im Jura und Savoyen“[4] überschritt.

Hingegen war die aktuelle Lage an der deutschen Grenze noch v o r der Flüchtlingswelle 2015 und auch vor Corona gekennzeichnet von der „Unsichtbarkeit“ der Grenzorgane bei ihrer gleichzeitigen Effektivität. Ich erinnere mich, wie ich etwa um das Jahr 2000 mit dem Fahrrad bei Højer in Dänemark auf dem Deich ein unbemanntes Grenzhäuschen passierte und in exakt in dem Moment des Grenzübertritts ein unter einer Linde versteckter Pkw der Bundespolizei auf den Deich schoss, um mich zu kontrollieren. Ich war deutscher Staatsangehöriger und „reiste“ mit deutschem Pass nach Deutschland ein…

Die Legenden um den Wegfall von Grenzen und die Liberalisierung des Aufenthaltsregimes halten sich hartnäckig. Doch sie sind nur bei denen verbreitet, die das tatsächliche Ausländerrecht und die Realität der Passlosigkeit nicht kennen. Dies gilt z. B. für die mir als Anwalt immer wieder begegnete Bestrafung des passlosen, abgelehnten Asylbewerbers. Darunter waren und sind Ausländer, deren „Duldung“ 30 Jahre lang (!) alle 3 Monate verlängert wurden und die zigmal zum Konsulat ihres Heimatlandes geschickt wurden, um sich Ersatzpapiere ausstellen zu lassen, aber die Papiere nicht bekamen und dann wieder „zu Straftätern“ wurden (wobei natürlich dem „Geduldeten“ jegliche Arbeitsaufnahme verwehrt wurde…).

Was dieses und Ähnliches für einen freien Autor bedeutet oder bedeuten kann, lässt sich unschwer erahnen. Als Hans Mayer schließlich 1938 freier Mitarbeiter der Zeitschrift „Tat“ in Zürich wurde, war ihm „jegliche Tätigkeit gegen Entgelt …“ streng untersagt.[5]

Zu der sozialen und ökonomischen Unsicherheit kommt beim „Geduldeten“ die Unsicherheit der formellen Existenz, die Ungewissheit des Aufenthaltsstatus, der grundsätzlich jederzeit zur Abschiebung in das Heimatland oder in ein anderes Land führen kann. Nachdem die Illegalität Hans Mayers den Schweizer Behörden schließlich 1939 bekannt wurde, wurde er nach Frankreich „ausgeschafft“.[6] Am Vorabend des 2. Weltkrieges war die Grenze nach Frankreich bereits geschlossen und er konnte und durfte die Grenze nur deshalb nicht übertreten. Durch die Intervention eines Genfer Staatsrats wurde schließlich die Ausweisung zurückgenommen.[7]

Doch das schützte ihn vor der Internierung in einem „Arbeitslager für Emigranten“ nicht. 1942 ging an alle Grenzstellen in der Schweiz die Weisung, Flüchtlinge an der Grenze abzuweisen und alle, die die Grenze illegal überschritten hatten, wieder „zurückzustellen“.[8] Das aber bedeutete für die Betroffenen den sicheren Tod. Hans Mayer war politisch Verfolgter und er war a u c h Jude. Als Emigrant, der v o r dieser Maßnahme die Schweiz betreten hatte, war er nicht ganz papierlos. Das schützte ihn einstweilen. Doch sicher konnte er auch dadurch nicht sein.

In dieser Lage erlahmten all jene Kräfte, die zum Schreiben erforderlich waren. Er sagte später über diese Zeit: „Ich ließ mich hinleben.“[9] Er glaubte an eine noch vor ihm liegende Zukunft. Er war noch jung und gesund. Und als Hauptgrund für seine (scheinbare) Indifferenz gegenüber dem Migrantenschicksal erkannte er, „dass ich kein Heimweh hatte“.[10] Er musste also „nur“ warten. Und er wartete. Aber Warten ist keine Arbeit. Und auch nicht die Arbeit eines Autors.

Es sei daran erinnert, dass diese Ungewissheit und dieses unproduktive Warten auf etwas, das noch kommt, entgegen allen anderslautenden Gerüchten auch heute noch vorkommt. Wer ohne Dauervisum in die Bundesrepublik Deutschland einreist, kann keinen Daueraufenthalt begründen. Wer als Tourist kommt, muss auch als Tourist gehen und darf nicht einwandern. Und wessen Pass ungültig ist, kann gar keinen Aufenthalt bekommen und ihn auch nicht verlängern lassen. Pass – Visum – Aufenthalt; das sind die wesentlichen Elemente dieses Systems. Sie hängen alle miteinander zusammen. Dazwischen steht die Ungewissheit des Aufenthalts als bloße Duldung. Ein Zustand dauerhafter Ungewissheit. Ein Zustand des ungewissen Wartens.

Wie oft fragen wir einen im Exil lebenden Autor nach „seinem“ Status? Er ist uns unbekannt. Es kann ein sicherer sein. Aber auch ein völlig ungewisser. Offenbar geht dieser Status nur ihn – den Exilanten – etwas an. Wir jedenfalls fragen nicht danach.

III. Flucht und Duldung Rainer Maria Rilkes
Rainer Maria Rilke verließ Deutschland am 11.06.1919. Es ist unklar, ob dies auch subjektiv ein endgültiger Abschied (aus München) war und ob er letztlich politisch motiviert war. Rilke hat sich dazu später gegenüber Ernst Toller wie folgt geäußert:

„Ich bin auch nicht aus München vertrieben worden, wo ich mich 1919 aufhielt. Eine Hausdurchsuchung war die einzige mir dort bereitete Unannehmlichkeit. Aber man zwang mich nicht, die Stadt zu verlassen. Ich folgte einer Einladung in die Schweiz.“[11]

Doch was will das heißen? Auch Hans Mayer „zwang man nicht, Deutschland zu verlassen. Er hatte noch am 04.07.1933 die große juristische Staatsprüfung im Preußischen Justizministerium abgelegt, und zwar mit einem Beisitzer namens Roland Freißler.[12] Aber er ahnte natürlich, was auf ihn zukommen würde, denn er bezeichnete sich gern und offen als „Roter Kämpfer“[13] und er war bei aller Intellektualität ein durch und durch politischer Mensch.

Anders als Rilke, der erst kurz vor der Novemberrevolution vor 1918 „begann … linke Positionen zu unterstützen“[14]. Seiner Frau Clara Westhoff schrieb er zwar, dass man nicht anders als zugeben könne, „dass die Zeit Recht hat, wenn sie große Schritte zu machen versucht.“[15] Und eröffnete seine Atelierwohnung in der Ainmillerstraße in München auch für inoffizielle Treffen revolutionärer Schriftsteller, zu denen Ernst Toller gehörte.[16] Er kannte Kurt Eisner und korrespondierte mit diesem. Doch bekannte er seine Überzeugungen keineswegs gegenüber allen Freunden. Vor allem gegenüber dem Verlegerehepaar Kippenberg zeigte er sich verschlossen und hielt sich mit seiner politischen Meinung zurück.[17]

Vorbereitungen für eine Vortragsreise in die Schweiz hatte er auf Drängen Kippenbergs getroffen.[18] Aber der Abreise selbst war nicht – wie Rilke später gegenüber Toller bekannte – e i n e Hausdurchsuchung vorausgegangen, sondern zwei! Daraufhin hatte er es abgelehnt, Toller bei sich zu verstecken. Er wusste, dass man ihn „auf dem Zettel“ hatte.

Die Entscheidung, Deutschland zu verlassen, musste auch aus einem anderen Grund endgültig gewesen sein, denn bei seiner Rückkehr wäre der aus Prag stammende Rilke als „Ausländer“ ausgewiesen worden oder gar nicht erst ins Land gelassen worden. Er hatte sich nicht nur politisch verdächtig gemacht, sondern er galt auch wegen des Endes der österreich-ungarischen Monarchie als staatenlos. Damit hätte er nie die Grenze zu Deutschland überqueren können. Später erhielt er einen tschechoslowakischen Pass, betrat aber nie tschechoslowakischen Boden. Auch nicht seine Heimatstadt Prag. Mit dem Pass verbesserte sich zwar der Status Rilkes, aber gleichzeitig verschlechterte er sich auch. Denn er konnte nun in die Tschechoslowakei abgeschoben werden, was er unter allen Umständen vermeiden wollte.

Stattdessen begann eine komplizierte Odyssee durch die Gefilde des Schweizer Fremdenrechts. Der Aufenthalt war zunächst nur für 10 Tage (!) bewilligt worden.[19] Doch schon in einem Brief vom 14.05.1919 an den Organisator seiner Vortragsreise, den Schweizer Dr. Hans Bodmer, drängte er darauf, „dass ein längerer Aufenthalt bewilligt wird oder doch Verlängerungsmöglichkeit gegeben ist“.[20] Ein weiterer Hinweis für die Absicht eines Daueraufenthaltes in der Schweiz und eines dauerhaften Verlassens Deutschlands. In einem weiteren Brief an Dr. Bodmer vom 16.06.1919 äußerte er die Idee nach genauer Überlegung, „die Verlängerung meines Aufenthaltes in der Schweiz durch ein ärztliches Attest zu bewirken“.[21] Damit er sich damit nicht zu dem Zweck seiner Reise (Vorträge) in einen Gegensatz setzen würde, schlug er vor, gegenüber der Behörde geltend zu machen, er sei genötigt, seine Vorlesungen „zunächst wegen schlechter Gesundheit aufzuschieben“.[22] Er schließt: „Hoffen wir, dass Bern sich geneigt erweist“.[23] Er hing an einem seidenen Faden. Er machte sich abhängig von der ihm zu attestierenden Krankheit, der Möglichkeit, die Vorträge zu verschieben, u n d einer „geneigten“ Fremdenpolizei. Und dies war und ist keineswegs etwas Untypisches für Menschen, die sich im Status der Halblegalität befinden. Sehr oft wird die Krankheit als Aufenthaltsgrund aufgeführt. Das ist auch heute noch so. Die Krankheit als Argument ist aber ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bedeutet die eigentlich angestrebte Genesung den Wegfall des Aufenthaltes nach ihrem Eintritt, andererseits kann die Krankheit eben deshalb nie ein Argument für einen dauerhaften Aufenthalt sein. Und tatsächlich dient das Argument teils nur einem gewissen Zeitgewinn, wobei jederzeit die Gefahr besteht, dass die Fremdenpolizei oder Ausländerbehörde eine dauerhafte Erkrankung des Betroffenen zum Anlass nimmt, den Aufenthalt ganz abzulehnen und bei „Transportfähigkeit“ sogar eine Abschiebung vornimmt.

Um die behördliche Willkür, von der er ja letztlich abhing, zu minimieren, schaltete Rilke eine Reihe von Freunden ein, die über Beziehungen zu den Behörden verfügten. Nach Dr. Bodmer war dies vor allem Hanns Buchli. Diesem schreibt er ein Jahr später, er sei in die Schweiz gekommen mit einer Bewilligung für nur 10 Tage und diese sei „mittels ärztlichem Attest“ dreimal für je 3 Monate verlängert worden.[24] Aus der Vortragsreise von 10 Tagen war also ein Aufenthalt mittels Krankheit von 9 Monaten geworden. Aber das erscheint, wenn es so dahingesagt wird, viel leichter als es getan war und irgendwann würde auch diese „Lösung“ erschöpft sein. Das wusste Rilke nur zu genau. Am 07.04.1920 schreibt er an Hanns Buchli:

„Tun Sie … bitte für mich keine weiteren Schritte. Ich versuch es, mich mit diesen Aussichten auszusöhnen … Jede Möglichkeit …, die ich den Verhältnissen der Schweiz jetzt noch abringen vermöchte, wäre doch am Ende nur ein Provisorium“.[25] Doch dann schreibt er nur knapp 3 Wochen später an Buchli, er läge doch Wert darauf, „noch bleiben zu dürfen“.[26] Zwei Gründe nennt er: Eine Verschlechterung seines Gesundheitszustandes und die Ausweisung aller nach dem 01. August 1914 zugezogenen Ausländer in München.

N u n wird die Verschlechterung der Gesundheit zum Verlängerungsgrund. Mehr als Hoffnungen kann er an diese Argumentation nicht knüpfen und bezeichnender Weise schreibt er an Buchli: „Vielleicht kommen Sie in die Lage, dieses bei den Behörden in ein rechtes Licht zu setzen.“[27]

Plötzlich tritt eine Besserung seines Zustandes ein und er erkennt sofort den Widerspruch zu dem von ihm genannten Aufenthaltsgrund [28] Dieses Mal verzichtet er aber auf ein Attest und hebt den geplanten Besuch „Baseler Bibliotheken und Sammlungen“ hervor. Er endet mit dem Satz: „Hoffen wir also.[29] Schließlich erhält er eine Aufenthaltsbewilligung. Die Schweiz und vor allem das Walis wird ihm zur letzten Heimat. Im Turm von Muzot vollendet er seine Duineser Elegien.

IV. Krankheit und Duldung
Hans Mayer schreibt über eine Reise im März 1943 in das Wallis: „Da lag das Türmchen von Muzot, wo Rilke gewohnt hatte, aber man wurde nicht eingelassen. Dorthin durften nur richtige Dichter.“[30] Er war noch kein „richtiger“ Literat und er empfand sich auch nicht so. Rilke hingegen war schon Legende. Er vollendete sein Werk in der Schweiz so gut es eben ging. Als die letzte Elegie fertig war, verschlimmerte sich sein Leiden. 1926 verstarb er nach schwerer Krankheit. Die Krankheit begleitete ihn auch in seinem Ringen um einen legalen Aufenthalt in der Schweiz. Es kann kaum geleugnet werden, dass die positive Rolle einer „Verschlimmerung“ seiner Krankheit im Zusammenhang mit der Verlängerung seines Aufenthaltes Auswirkungen auf seine Psyche gehabt haben muss. Nur Mediziner können die Frage beantworten, ob diese „positive Rolle“ auch den Krankheitsverlauf selbst beeinflusst hat. Wer seinen Aufenthalt und damit einen Teil seines Lebensglücks an eine schwere Krankheit kettet, begibt sich in kaum beherrschbare Gefahren. Doch dies war alles andere als ein Rilkescher Charakterzug, es waren vielmehr die Zwänge des zu allen Zeiten inhumanen Aufenthaltsrechts, denen er auf andere Weise nicht Herr zu werden vermochte. Hans Mayer hingegen befand sich vom Zeitpunkt seiner Internierung an in einer eher passiven Rolle. Er ließ sich „dahinleben“ und wartete, wenn auch in ständiger Angst, auf bessere Zeiten. Die kamen dann auch für ihn. Er war in der Schweiz der Hölle des Nazi-Terrors entronnen und mit dem Ende dieses Terrors brach für ihn eine neue Zeit an.  Rilke befand sich in einer vergleichsweisen komfortablen Lage auf seinem Turm von Muzot, aber er hatte, nachdem sein Aufenthalt gesichert war, den Tod vor Augen. Beider Leben wären mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anders verlaufen, wenn ihre Existenz nicht über Jahre hinweg von der Willkür des Aufenthaltsrechts gekennzeichnet gewesen wäre.

Goethe hatte –ohne zu wissen – Recht gegenüber dem ihm noch unbekannten „Ausländerrecht“. Toleranz muß zur Anerkennung führen, d.h. zum R e c h t auf Aufenthalt. Ohne dieses Recht ist der A u s länder nicht „anerkannt“. Duldung ist kein Recht, sondern blosse Willkür, die nicht nur den freien Autor seiner eigentlichen Freiheit beraubt. Duldung verdunkelt die freie Sicht auf das was geschrieben werden soll und geschrieben werden kann.

Rolf Geffken

* Dr. Rolf Gefken, ist ein deutscher Rechtsanwalt für Arbeitsrecht, Autor und Verleger, Dozent, China- und Schifffahrtsexperte. Er stand einige Jahre vor Hans Mayers Tod mit diesem in Verbindung. Das beide beschäftigende Thema war das (juristische) Problem der „Grenze“ und die damit verbundenen Arbeits- und Lebensbedingungen.
Wir freuen uns sehr, dass Dr. Geffken seinen Beitrag für die Veröffentlichung zum »Tag der Menschenrechte« dem 10. Dezember zur Verfügung gestellt hat.

[1] Goethe, Maximen und Reflexionen Nr. 151, in: Goethe, Hamburger Ausgabe, Band 12, 12. Auflage München 1982, S. 385
[2] Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf – Erinnerungen, Band 1, Frankfurt 1988, S. 164
[3] A.a.O., S. 167
[4] A.a.O., S. 193
[5] A.a.O., S. 229
[6] A.a.O., S. 256
[7] A.a.O., S. 257
[8] A.a.O., S. 261
[9] A.a.O., S. 190
[10] Ebd.
[11] Schnack, Rilke – Chronik seines Lebens und Werkes, 2. Auflage 1996, S. 639
[12] Mayer, a.a.O., S. 126
[13] A.a.O., S. 122 ff.
[14] Freedman, Rainer Maria Rilke – Der Meister 1906 – 1926, Frankfurt 2002, S. 276
[15] Brief an Clara Rilke-Westhoff, 7.11.1918, zit.n. Freedman, Band 2, S. 279
[16] Freedman a.a.O., S. 280
[17] A.a.O., S. 277
[18] A.a.O., S. 278
[19] Schnack, a.a.O., S. 643
[20] Rainer Maria Rilke, Briefe an Schweizer Freunde (Hrsg. Rätus Luck), Frankfurt 1990, S.15
[21] Ebd.
[22] A.a.O., S. 16
[23] Ebd.
[24] A.a.O., S. 50
[25] A.a.O., S. 56
[26] A.a.O., S. 61
[27] A.a.O., S. 63
[28] A.a.O., S. 68
[29] A.a.O., S. 70
[30] Mayer, a.a.O., S. 287

»Die starke Linke«

Friedrich Engels zum 200. Geburtstag
„Der schmale Fluß ergießt bald rasch, bald stockend seine purpurnen Wogen zwischen rauchigen Fabrikgebäuden und garnbedeckten Bleichen hindurch; aber seine hochrote Farbe rührt nicht von einer blutigen Schlacht her, denn hier streiten nur theologische Federn und wortreiche alte Weiber gewöhnlich um des Kaisers Bart; auch nicht von Scham über das Treiben der Menschen, obwohl dazu wahrlich Grund genug vorhanden ist, sondern einzig und allein von den vielen Türkischrot-Färbereien.“[1]

Mit diesen wenig schmeichelhaften Worten beschreibt der 18jährige Fabrikantensohn aus Wuppertal in einer Zeitungsserie – allerdings unter dem Pseudomym Friedrich Oswald – seine Heimatstadt und die Lage der arbeitenden Klasse. Geboren am 28. November 1820 in Barmen, ist er auf Wunsch des reichen Fabrikantenvaters mit 17 Jahren zunächst im väterlichen Betrieb und dann in einem Bremer Großhandelskontor tätig; später in des Vaters Niederlassung in Manchester. Aufgrund der dortigen Erfahrungen schreibt Friedrich unter seinem richtigen Namen eine der frühesten soziologischen Studien über das Industrieproletariat in einem der ersten Industriezentren der damaligen Welt.[2]

In unmittelbar praktischer Begegnung mit den Arbeiterinnen und Arbeitern, der Anschauung ihrer Lebens- und Produktionsbedingungen sowie dem Studium klassischer Ökonomen verschafft er sich das Fundament zu einer fundierten Kritik des Kapitalismus und seiner Entwicklung. Im Vorwort zum ersten Heft »Zur Kritik der politischen Ökonomie« erklärt Karl Marx 1859: „Friedrich Engels, mit dem ich seit dem Erscheinen seiner genialen Skizze zur Kritik der ökonomischen Kategorien … einen steten schriftlichen Austausch unterhielt, war auf anderem Wege … mit mir zu demselben Resultat gelangt und als er sich im Frühling 1845 ebenfalls in Brüssel niederließ, beschlossen wir, den Gegensatz unserer Ansicht gegen die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich auszuarbeiten…“[3]

Zum Druck des Textes ist es zu Marx´ Lebzeiten nicht gekommen. 1868 veröffentlicht Engels einen Auszug, der zwanzig Jahre später als Sonderdruck unter dem Titel »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie« erscheint. Im Vorwort zitiert Engels noch einmal aus Marxens Vorwort zur »Kritik«: „Wir überließen das Vorwort der nagenden Kritik der Mäuse umso williger, als wir unseren Hauptzweck erreicht hatten – Selbstverständigung.“[4] Allerdings ergänzt Engels in dem Sonderdruck den Text um Marx´ berühmte »Thesen über Feuerbach« vom Frühjahr 1845.

Sie sind dann auch in dem Band zur »Deutschen Ideologie« der ersten von David Rjazanov herausgegebenen MEGA von 1932 erschienen, der die weitgehend kompletten »Feuerbachtexte« veröffentlichte. Diese 1932 erschienene Ausgabe ist ein „Lieblingsbuch[5] von Hans Mayer geblieben, der sich seit 1926 in das intensive Studium der Marx-Engelschen Schriften vertieft hatte. „Das mag kennzeichnend gewesen sein für mein Verhältnis zum Marxismus.“[6]

Den Mäusen die Kritik überlassend, stürzen sich Marx und Engels in das politische Geschäft. 1847 treten sie dem von Wilhelm Weitling gegründeten »Bund der Gerechten« bei und erhalten so eine internationale Plattform zur Verbreitung ihrer kommunistischen Ideen.

Alfred Hrdlicka „Die starke Linke“ (Foto: HB)

Im Dezember 1847 und Januar 1849 verfasst Marx auf der Basis von Vorarbeiten Friedrich Engels das »Manifest der Kommunistischen Partei«, das am 21. Februar 1849 veröffentlicht wird und seit 2013 zum Weltdokumentenerbe der UNESCO gehört. Kurz danach beginnt die Februarrevolution in Frankreich und die Märzrevolution im Deutschen Bund.

Am 11. April 1848 treffen Marx und Engels sowie Ernst Dronke in Köln ein. Mit fast 90.000 Einwohnern und viertausend Soldaten ist Köln nach Berlin und Breslau die drittgrößte preußische Stadt. Marx hatte dort schon 1842/43 als Chefredakteur der »Rheinischen Zeitung« bis zu seiner Ausweitung mit dem Verbot der Zeitung verbracht. Jetzt kommt er zurück und gründet mit Unterstützern eine neue revolutionär-demokratisch Zeitung.[7] „Die Neue Rheinische Zeitung erschien ein knappes Jahr lang, vom 1. Juni 1848 bis zum 19. Mai 1849, in Köln als »Organ der Demokratie«. Es gelang ihr als einziger republikanischer Tagesszeitung, sich in den Revolutionsjahren als großes Blatt mit gesamtdeutscher Verantwortung zu etablieren, das auch im Ausland wahrgenommen wurde. Die Zeitung, die anfangs sogar sieben Mal in der Woche veröffentlicht und in den Nachmittagsstunden mit dem Datum des folgenden Tages ausgegeben wurde, erreichte eine Auflage von fünf- bis sechstausend Exemplaren, stand aber dauernd vor dem finanziellen Scheitern.“[8]

Die Vorteile für die Zulassung der Zeitung und ihr politisches Agieren liegen darin, dass in der preußischen Rheinprovinz das französische Recht gilt. Außerdem war die bis März 1848 geltende Vorzensur fortgefallen. Neben der Deutschlandberichterstattung hatte die »Neue Rheinische Zeitung« auch eine umfassende Auslandsberichterstattung und ein Feuilleton, das von Georg Weerth und Ferdinand Freiligrath gestaltet wird. Letzterer berichtet auch regelmäßig aus Großbritannien, Amerika und Italien. Marx und Engels treten kontinuierlich als Verfasser von Kommentaren und Leitartikeln hervor.

Engels behauptet im Rückblick, 1884, die »Neue Rheinische Zeitung« „konnte nur die der Demokratie sein, aber die einer Demokratie, die überall den spezifisch proletarischen Charakter im einzelnen hervorhob, den sie noch nicht ein für allemal aufs Banner schreiben konnte. Wollten wir das nicht, wollten wir nicht die Bewegung an ihrem vorgefundenen, fortgeschrittensten, tatsächlich proletarischen Ende aufnehmen und weiter vorantreiben, so blieb uns nichts, als Kommunismus in einem kleinen Winkelblättchen dozieren und statt einer großen Aktionspartei eine kleine Sekte stiften. Zu Predigern in der Wüste aber waren wir verdorben; dazu hatten wir die Utopisten zu gut studiert.“[9] Man kämpft also auf dem äußerten linken Flügel der demokratischen Bewegung.

Im April 1949 spitzen sich die revolutionären Kämpfe zu. Friedrich Engels, der 1841/1842 eine einjährige militärische Ausbildung in Berlin absolviert aber dort auch als nicht zugelassener Student Philosophie bei Hegelschülern studiert hatte, ging am 11. Mai in seine Heimatstadt Elberfeld, um sich dort den Aufständischen im bewaffneten Kampf anzuschließen.[10] Nach wenigen Tagen muss er aber wegen drohender Verhaftung fliehen und schließt sich den Aufständischen in Baden an. Dort diente er als Adjutant in Oberst Willichs Freikorpseinheit.[11] Nach der endgültigen Niederschlagung der Revolution flieht er am 12. Juli über die Schweizer Grenze und geht zurück nach England.

Die »Neue Rheinische Zeitung« wird verboten, der Chefredakteur Marx muss als Staatenloser fliehen und geht nach London, wo er Friedrich Engels wiedertrifft.

Am 19. Mai 1849 erscheint- gedruckt in roter Farbe – die letzte Nummer der »Neuen Rheinischen Zeitung« mit den Abschiedsworten von Ferdinand Freiligrath:

„Wenn das Volk sein letztes „Schuldig!“ spricht,
Dann stehn wir wieder zusammen!
Mit dem Wort, mit dem Schwert, an der Donau, am Rhein, —
Eine allzeit treue Gesellin
Wird dem Throne zerschmetternden Volke sein
Die Geächtete, die Rebellin!“[12]

100 Jahre später erscheint 1948 im Ostberliner Dietzverlag ein Buch mit dem Titel »Revolution und Konterrevolution in Deutschland« als Band 5 der Bücherei des »Marxismus-Leninismus«. In der Einleitung die Hans Mayer im Mai 1948 in Frankfurt verfasste, zitiert er eine Satz aus den „unheimlich hellsichtigen Jugendschriften von Karl Marx“: »Der Kampf gegen die deutsche politische Gegenwart ist der Kampf gegen die Vergangenheit der modernen Völker…«[13] Es geht um die „deutsche Misere“ deren Betrachtung sich Hans Mayers Einleitung im Rückblick auf 1848/49 aber auch 1948 widmet. Die Artikelreihe »Revolution und Konterrevolution in Deutschland« war zuerst 1951 bis 1852 auf Englisch in der »New York Daily Tribune« unter dem Namen Karl Marx erschienen. Mayer wusste allerding schon 1948, dass der Anteil Engels an diesen Schriften ungleich größer war als der von Marx. Die erste Buchausgabe gab Marx Tochter Eleanor Marx-Aveling 1896 in englischer Sprache heraus.

Während Engels also federführend in der Frage der Betrachtung der deutschen Revolution war, war es Marx im Hinblick auf die Französischen. Auch sein »Achtzehnter Brumaire des Louis Bonaparte« erschien zuerst in Amerika; in der von Joseph Weydemeyer herausgegebenen Monatsschrift »Die Revolution«. In Betrachtung der beiden Studien stellt Hans Mayer fest: „in ihrer Gesamtheit ergeben sie dann nichts weniger als eine Theorie der bürgerlichen Revolution, ihrer Möglichkeiten und Abschlüsse – und ihres Verhältnisses zu den kleinbürgerlichen Mittelschichten und den revolutionären Bestrebungen der Arbeiterklasse.“[14] Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen macht Mayer deutlich, wie intensiv Marx und Engels aufgrund der weiteren historischen und ökonomischen Entwicklungen zu Präzisierungen und zum Teil Neubewertung ihrer eigenen Einschätzungen früherer Ausführungen kommen. Dies wird in späteren Vor- oder Nachworten ihrer Schriften hervorgehoben.

Resümierend stellt Hans Mayer im Mai 1948 fest: „Wenn heute die Frage der deutschen Einheit auf der Grundlage jener Tatsachen gestellt werden muß, die uns der Zusammenbruch des Hitlerreiches als furchtbare Erbschaft hinterließ, so ist damit ebenfalls gesagt, daß die Debatten über eine „großdeutsche“ oder „kleindeutsche“ Lösung nicht mehr beschäftigen können. Geblieben aber ist die Notwendigkeit einer deutschen Lösung; geblieben ist die Forderung einer demokratischen Lösung im Sinne jener gesellschaftlichen Erkenntnisse, die wir durch hundert Jahre deutscher Fehlentwicklung immer wieder aus den von Reaktion und Konterrevolution erstickten Freiheitsbewegungen gelernt haben.“[15]

Diese Einschätzung reflektierend historischer Rückbesinnung, die Mayer hier anspricht, deckt sich mit der Bewertung der Schriften von Marx und Engels durch Jürgen Herres. Er stellt heraus, dass die beiden in einer Epoche großer Umbrüche und Widersprüchlichkeiten ihre Analysen der gesamtgesellschaftlichen Wandlungsprozesse mit einer radikalen politischen Perspektive verbinden. Irrtümer waren dabei nicht ausgeschlossen.[16] „Der historische Engels kann unseren Blick für die Prozesse und Mechanismen der Ideologien des 20. Jahrhunderts schärfen. Der Engels des 20. Jahrhunderts unseren Blick für den Facettenreichtum und die Widersprüche seiner Diskussions- und Theorieangebote.“[17]

Über Engels, theoretische, ökonomische, historische und auch literarischen Arbeiten gibt es tausende von Seiten. Über sein Privatleben nur weniges. Bekannt ist, dass er wohl zahlreiche Liebschaften hatte, aber eine festere „romantische Beziehung“ nur mit den beiden irischen Arbeiterinnen Mary und Lydia Burns, mit denen er in Manchester bzw. London jahrelang zusammenlebte.[18] Beide waren irische Freiheitskämpferinnen und man kann davon ausgehen, dass sie Engels viel zum Verständnis der arbeitenden Klasse als auch zur irischen Geschichte und dem Freiheitskampf vermittelt haben. Beide starben 1863 und 1878 noch relativ jung. Engels starb im August 1895 in London. Die Urne mit seiner Asche wurde gemäß seinem Wunsch vor Eastbourne (Beachy Head) im Meer versenkt.

Nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch nach seinem Tode beschäftigten die Auseinandersetzungen um ihn die Bürger seiner Heimatstadt.
Seit Juli 1981 steht als Denkmal für Friedrich Engels vor seinem Geburtshaus eine Skulptur verschlungener Körper und Gliedmaßen nackter Menschen aus Marmor von Carrara, herausgehauen durch den berühmten Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka. Titel: »Die starke Linke«. Eine überzeugende Betrachtung und Analyse dazu liefert Dieter Schubert in seinem Beitrag »Alfred Hrdlickas Denkmal für Friedrich Engels«.[19]

[1] „Briefe aus dem Wuppertal“ erschienen im „Telegraph für Deutschland“ im März und April 1839, MEW Band 1, Berlin/DDR 1976, S. 413
[2] Zur aktuellen Bewertung siehe Clemens Zimmermann, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, in: Friedrich Engels, Ein Gespenst geht um in Europa – Begleitband zur Engelsausstellung 2020. Hg. Lars Bluma, Wuppertal 2020, S.70-83
[3] Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, in MEGA2, II/2, S. 101
[4] A.a.O., S. 102
[5] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf, Band 1, Frankfurt 1985, S. 100
[6] ebenda
[7] Siehe dazu im Einzelnen, Jürgen Herres, Marx und Engels – Porträt einer intellektuellen Freundschaft, Ditzingen 2018, S, 104-130
[8] Herres, Marx und Engels, S.110
[9] MEW 21, S. 18
[10] Zu den Einzelheiten siehe Detlef Vonde, Von Barrikaden und blutigen Possen – Friedrich Engels und die Geschichte der gescheiterten Revolution 1848/49, in: Friedrich Engels – ein Gespenst geht um in Europa, S. 126-140
[11] Diese Tätigkeit und die militärischen Arbeiten trugen ihm später den Titel eines „Generals“ ein.
[12] Abschiedswort der Neuen Rheinischen Zeitung. Zitiert nach der digitalen Ausgabe http://www.deutschestextarchiv.de/nrhz/?d=nn_nrhz301_1849.txt.xml Zugriff 27.11.2020
[13] K. Marx / F. Engels, Revolution und Konterrevolution in Deutschland, Berlin 1948, S.5
[14] A.a.O., S. 9
[15] Ebenda, S. 19. Dass dieses Buch eine Art Besteller gewesen zu sein scheint zeigt, dass 1953 die dritte Auflage (51.-80. Tausend) erschien. In den Anmerkungen sorgfältiger bearbeitet, aber mit verändertem Titelbild. Die erste Auflage zieren die vier Säulenheiligen Marx, Engels, Lenin und Stalin mit Marx im Vordergrund. Bei der dritten Ausgabe ist die Reihenfolge umgekehrt. Haare und Bärte aller beteiligten sind sorgfältig gestutzt und als erste Person ist vor den anderen Stalin zu sehen.
[16]Siehe Jürgen Herres, Friedrich Engels, republikanischer Kommunist und europäischer Gesellschaftskritiker, in: Fridrich Engels, Ein Gespenst geht um in Europa, S. 16-29. Ebenso Jürgen Herres, Marx und Engels (wie Fn. 7)
[17] Herres, Friedrich Engels, a.a.O, S.21
[18] Siehe hierzu: Marina Mohr, „In der Familie ist der Mann der Bürger und die Frau der Proletarier“ – Die Frauen des Friedrich Engels, in: Friedrich Engels, Ein Gespenst geht um in Europa, S. 196-205.
[19] http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/3077/1/Schubert_Alfred_Hrdlickas_Denkmal_fuer_Friedrich_Engels_1983.pdf

Die ideologiebeladene Debatte hat seinerzeit u.a. ausführlich „Der Spiegel“ geschildert. Siehe: https://www.denkmal-wuppertal.de/tag/alfred-hrdlicka

»Dieser Dichter, der in Czernowitz zwischen den Sprachen aufwuchs« [1]

Paul Celan zum 100. Geburtstag 23.11. 1920 – 2020

Paul Celan geboren als Paul Antschel (rumänisch „Ancel“ daraus bildete er später als Anagramm seinen Dichternamen Celan) in Czernowitz in der Bukowina damals Rumänien, davor Teil von Österreich-Ungarn, später aufgeteilt zwischen Rumänien und der Sowjetunion heute zu Rumänien und der Ukraine gehörend. Dieses Gebiet war über lange Zeiten hinweg vielsprachig: Rumänisch, Deutsch, Russisch, Polnisch, Jiddisch und einiges mehr und es war Heimat vieler bedeutender Dichter*innen: Rose Ausländer, die schon in ihrer Jugend Paul Celan kannte, Selma Meerbaum, Cousine 2. Grades von Paul Celan, umgekommen im gleichen transnistrischen Konzentrationslager wie Paul Celans Eltern, Alfred Margul-Sperber, Moses Rosenkranz und viele mehr. In der Bukowina wuchs man vielsprachig auf so auch Paul Celan, der später sieben Sprachen beherrscht und aus ihnen und in sie übersetzt.

Paul Celan gilt als einer, wenn nicht „der“ bedeutendste/n Lyriker der deutschen Sprache der vergangenen 100 Jahre. Seine Mutter war sehr belesen und seine Bindung zu ihr sehr eng. Schon in der Jugend beginnt er zu dichten. Nach dem Abitur zieht es ihn nach Frankreich zum Medizinstudium in Tours. Auf dem Weg dorthin passiert er Krakau und Berlin unmittelbar vor der Reichspogromnacht 1938.  Darüber schrieb er 1962 das Gedicht „La Contrescarpe“ in dem man diese Zeilen
findet:

„Über Krakau
bist du gekommen, am Anhalter
Bahnhof
floß deinen Blicken ein Rauch zu
der war schon von morgen“.[2]

Paul Celans Dichtung ist nicht immer leicht zu verstehen; ohne seine Geschichte und die seiner Familie zu kennen, ist es unmöglich.
Wegen des von den deutschen Faschisten begonnenen 2. Weltkriegs kehrt er in die Heimat zurück und studiert dort Romanistik. 1940 besetzt die Rote Armee Stalins die Bukowina. Die Nationalsozialisten hatten mit Stalin im sogenannten Hitler-Stalin-Pakt die Annexion vereinbart. Ein Jahr später wird Czernowitz durch die SS besetzt. Rumänien ist inzwischen mit Nazi-Deutschland verbündet.  Die jüdische Bevölkerung wird ghettoisiert und ab Oktober 1941 werden über 55.000 von ihnen in die Vernichtungslager Transnistriens deportiert und umgebracht, darunter Paul Celans Eltern. Er selbst kommt in ein Arbeitslager und wird als Straßenbauer eingesetzt.
Von der Ermordung seiner Eltern erfährt er erst wesentlich später. Für ihn ist das ein lebenslanges Trauma, er verzeiht sich nicht, dass er den Eltern nicht zur Flucht riet.
Nach dem Krieg zieht er zunächst nach Bukarest, arbeitet als Lektor und Übersetzer. 1947 flieht er vor den Kommunisten über Ungarn zunächst nach Wien, wo er Ingeborg Bachmann kennen- und lieben lernt. Für sie schreibt er einige Gedichte. 1948, zu Beginn ihrer Beziehung, u. a. „Corona“; daraus eine Strophe:

„Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben uns einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.“[3]

Er reist weiter nach Paris und lässt sich dort nieder. Seine Gedichte schreibt er in deutscher Sprache, obwohl er später von dieser Sprache als „Mördersprache“ spricht. In seiner Ansprache zur Entgegennahme des Literaturpreises der Stadt Bremen 1958 (ein Jahr zuvor war dort Ingeborg Bachmann ausgezeichnet worden) formuliert er seine Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache: „Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie die Sprache, blieb unverloren, ja, trotz alledem. Aber sie mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, „angereichert“ von all dem.“[4]

1952 heiratet er die französische Malerin Gisèle de Lestrange, was ihn nicht hindert, weiter zahlreiche Beziehungen zu haben. Er arbeitet als Übersetzer, schreibt Gedichte, freundet sich mit vielen Schriftsteller*innen an und entzweit sich immer wieder mit einigen von ihnen. Er ist hypersensibel und sehr leicht gekränkt, leidet an Depressionen. Diese Eigenschaften hatte er schon in seiner Jugend. Eine Jugendfreundin, Edith Silbermann, äußerte über ihn: „Paul konnte sehr lustig und ausgelassen sein, aber seine Stimmung schlug oft jäh um, und dann wurde er entweder grüblerisch, in sich gekehrt oder ironisch, sarkastisch. Er war ein leicht verstimmbares Instrument, von mimosenhafter Empfindsamkeit, narzisstischer Eitelkeit, unduldsam, wenn ihm etwas wider den Strich ging oder ihm jemand nicht passte, zu keinerlei Konzession bereit. Das trug ihm oft den Ruf ein, hochmütig zu sein.“ [5]

Celan lernt u. a. René Char, den großen französischen Poeten, kennen, der als der bedeutendste zeitgenössische französische Dichter gilt. Celan zollt ihm großen Respekt dafür, dass er in der Résistance gekämpft hat, übersetzt dessen Aufzeichnungen aus dem Maquis »Hypnos« ins Deutsche, ebenso kongenial wie viele von Shakespeares Sonetten.

In seinen Gedichten spielt die Shoah, die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Faschisten, eine Hauptrolle. Sein bekanntestes Gedicht ist »Todesfuge« geschrieben im Mai 1945. Es beschreibt das Unbeschreibliche:

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus, der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar
Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er
pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
[…]
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister
aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith.[6]

Als er dieses Gedicht bei seiner ersten Teilnahme bei einem Treffen der legendären »Gruppe 47« in Niendorf an der Ostsee 1952 vorträgt, und dort nicht die von ihm erhoffte Anerkennung erhielt, war er zutiefst enttäuscht.
Im gleichen Jahr erscheint sein Gedichtband »Mohn und Gedächtnis«, darin die „Todesfuge“ und damit gelingt ihm der literarische Durchbruch, nicht nur im deutschsprachigen Bereich auch weit darüber hinaus.
Mit seinen Gedichten über die Shoah widerlegte er das Diktum des Philosophen Theodor W. Adorno, der 1951 schrieb, „Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“[7]
Jürgen Wertheimer, Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen und Herausgeber der Tübinger Celan-Ausgabe, äußert über Celan: „Die Shoah ist in Celans Gedichten mit jedem Wort, mit jeder Silbe eingeschrieben. Vor allem blieb die Deportation seiner Eltern in Czernowitz, die er nicht verhindern konnte, ein lebenslanges Trauma. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sein Werk eine Art in Sprache gefasstes Holocaust-Mahnmal ist – weit wirkmächtiger als in Stein gehauene Denkmäler es sind. Seine Texte sind keine Versöhnungsautomaten, sondern Protokolle der Verletztheit.“[8]
Celan leidet an Depressionen, versucht zweimal in wahnhaften Anfällen seine Frau umzubringen, Er kommt längere Zeit in psychiatrische Anstalten. Wahrscheinlich nimmt er sich in der Nacht vom 19. auf den 20. April 1970 durch einen Sprung von der Pariser »Pont Mirabeau« in die Seine das Leben; seine Leiche wird erst Tage später von einem Fischer gefunden.
Seine getrennt von ihm lebende Frau, Gisèle de Lestrange, schreibt am 10. Mai 1970 an die ehemalige Geliebte Ingeborg Bachmann: „Er hat sich den einsamsten und anonymsten Tod ausgesucht.“[9]
Hans Mayer schrieb in seinen »Erinnerungen an Paul Celan«: „Die Wahrheit ist, dass er unfähig war zum Vergessen. Alles war stets gegenwärtig. Kein Lebensmoment, der nicht bedroht gewesen wäre von unheilvollen anderen Augenblicken, die jeder andere als Vergangenheit und abgetan fortgeschoben hätte. Er konnte es nicht. Das Vernichtungslager ebenso wie eine belanglose Unbill aus späteren Jahren: alles war in jedem Augenblick virulent.“[10]

Hans Mayer und Paul Celan kannten und schätzten sich. Celan widmet Mayer ein Gedicht: »Weißgeräusche« und Mayer schätzte den Dichter und Autor Celan sehr; so schrieb er über dessen »Meridian-Rede« anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises 1960; sie „überrage, wie mir scheint, all diese anderen bedeutenden Literaturerzeugnisse durch ihre Tiefe und ihre Büchner-Nähe.“ Und weiter: „Man muss das nachlesen. Es ist großartig.“ [11]

Claudia Wörmann-Adam

¹ Hans Mayer, „Augenblicke – Ein Lesebuch“, Herausgegeben von Wolfgang Hofer und Hans Dieter Zimmermann, Frankfurt 1987; S. 110
[2] Paul Celan, „Die Gedichte“, kommentierte Gesamtausgabe, Herausgabe und Kommentar: Barbara Wiedemann, Frankfurt 2005
[3] Paul Celan, Die Gedichte, S. 39
[4] Paul Celan, Gesammelte Werke Band 7; Frankfurt 1978, S. 185 f
[5] Zitiert in Deutschlandfunk Kultur, „Alle Dichter sind Juden“, Autor Helmut Böttiger vom 21.05.2017
[6] Paul Celan, Die Gedichte, S. 40f
[7] T. W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft, Frankfurt 1951
[8] Interview mit Jürgen Wertheimer von Friederike Invernizzi: https://www.forschung-und-lehre.de/zeitfragen/sprechen-zwischen-wunde-und-narbe-2703/ Zugriff am 22.11.2020
[9] Zitiert in Iris Radisch „Etwas ist faul im Staate D-Mark“, in: »Die Zeit« Nr. 17/2020
[10] Hans Mayer, Augenblicke, S.110
[11] Hans Mayer, „Der Büchner-Bazillus in unserer Literatur“, in: »Die Zeit« Nr. 44/1964