Jean Améry als Aufklärer

Vortrag Professor Susan Neimans bei der Hans Mayer Lecture 2022

Mit einer eindrücklichen Liebeserklärung für den anderen Hans Mayer startete die Direktorin des Einstein Forums, Professor Susan Neiman, ihren furiosen Vortrag über den Aufklärer Jean Améry im Brechtbau der Uni Tübingen: Améry ist einer meiner Helden, der vermutlich mehr als jeder andere meine eigene Schriftstellerei beeinflusst hat. Doch über ihn zu schreiben ist so einschüchternd wie nur irgendetwas, denn kaum jemand schreibt so wunderbar wie er. Seine Klarheit, seine Leidenschaft, seine Ironie, sein Mut und sein untrüglicher Geschmack machten aus ihm einen Meister deutscher Prosa.“[1]

Jean Améry wurde am 31. Oktober 1912 unter dem Namen Hans Mayer in Wien geboren. Nach der Besetzung Österreichs durch die Nationalsozialisten ging er nach Belgien ins Exil. Als dieses besetzt wurde, trat er einer Widerstandsgruppe bei. Im Juli 1943 wurde er beim Verteilen von Flugblättern gegen die Besatzer verhaftet und in der Festung »Fort Breendonk« interniert und schwer gefoltert. Im Januar 1944 wurde er ins Konzentrationslager Ausschwitz eingeliefert. Es folgten weitere Verschleppungen ins KZ Mittelbau Dora und anschließend in das KZ Bergen-Belsen. Nach der Befreiung durch die Engländer am 15 April 1945 ging er zurück nach Belgien. Über seine Verhaftung und die Zeit in den Konzentrationslagern veröffentlicht er 1966 eines seiner beeindruckendsten Bücher: »Jenseits von Schuld und Sühne«.

Lassen wir dazu Susan Neiman zu Wort kommen: Über ein Leben, das in den Provinzromantik begann und ihn durch Exil, Widerstand, Folter und Auschwitz geführt hat, wird man sicherlich sagen können, es sei von allem, was im 20. Jahrhundert entscheidend war, ergriffen worden. Erst recht, wenn sich dieses Leben durch eine ungeheure Belesenheit auszeichnet: Seine Kenntnis des modernen Denkens kann man im wahrsten Sinne des Wortes „intim“ nennen. Dass Améry sich mit großem Erfolg in Selbsterkenntnis übte, lag nicht allein daran, dass sein Leben als archetypisch gelten darf oder er es mit großer Intelligenz bewältigte, wovon der ständige Dialog zwischen Konkretem und Theoretischem zeugt. Vor allem seine ätzende Selbstkritik hat Anteil daran. Da er das Wort „luzide“ schätzte, konnte er auf das modischere „authentisch“ verzichten; was man zeigen kann, muss man nicht sagen.“

Diese Formulierung steht in seltsamer Kongruenz zu dem berühmten Schlusssatz von Ludwig Wittgensteins »Tractatus logico-philosophicus«. Mit dessen Schriften und dem Denken Kants war Améry sehr vertraut. Sie, aber auch die Schriften von Jean-Paul Sartre, haben sein Denken und Schreiben nachhaltig beeinflusst. Außer dem bestechenden Stil seiner Formulierungskünste ist sein Schreiben laut Neiman durch Wesen und Bedeutung des Subjekts und Verhältnis subjektiver Erfahrung zur Wirklichkeit geprägt. „Amérys Selbsterkundung nahm ihren Ausgang von der Erfahrung der absoluten Verneinung des Selbst. Lange nach Kriegsende erschütterte ihn jeden Morgen von Neuem jenes Brandmal, das in Auschwitz aus Hans Mayer den Häftling 172364 gemacht hatte und nun auf seinem Wiener Grabstein steht. Mit der Behauptung seiner Subjektivität reiht sich Améry in die altehrwürdige philosophische Tradition des Strebens nach Selbsterkenntnis ein; es ist auch ein Akt der Auflehnung.“

Das Thema des Buches »Jenseits von Schuld und Sühne« sind die „Grenzen des Geistes“. Zwanzig Jahre lang hatte Améry keine ihm geeignet erscheinenden Worte gefunden, um über 12 Jahre des Naziterrors zu sprechen. Mit dem Ausschwitzprozess von 1964 drängte sich ihm dann die Frage der Situation des Intellektuellen im Konzentrationslage auf. Im „Vollzug der Niederschrift“ auch mit welcher Methode er das Thema bewältigen konnte. Nicht in distanzierter wissenschaftlicher Betrachtung, sondern durch die Erzählung der eigenen „Opfer-Existenz“. Mit dieser Darstellung wendet er sich an die Deutschen, die „von den finsteren und kennzeichnenden Taten des Dritten Reiches nichts wissen wollen oder sich nicht mehr betroffen fühlen. Die Tortur, Schuld und Sühne sowie der Zwang und die Unmöglichkeit Jude zu sein sind Themen des Buches.

Für Neiman die vernichtendste Anklage gegen die Vernunft, die sie gelesen hat: „Mit seinen Überlegungen zur Haltung der Intellektuellen in Auschwitz will Améry beschreiben, was geschieht, wenn sich die reine Vernunft dem absolut Bösen gegenübersieht. Seine Antwort fällt düster aus. Nicht allein, dass das absolut Böse den Sieg davontrug, es vernichtete den Intellekt in kürzester Zeit. Der Trost der Philosophie mag in einem römischen Gefängnis gewirkt haben, in Auschwitz blieb er nur ein paar Wochen. Dort, wie auch unter Folter der Gestapo wurde, was ein Mensch war, in bloßes Fleisch verwandelt. »Ein schwacher Druck mit der werkzeugbewehrten Hand reicht aus, den anderen samt seinem Kopf, in dem vielleicht Kant und Hegel und alle neun Symphonien und die Welt als Wille und Vorstellung aufbewahrt sind, zum schrill quäkenden Schlachtferkel zu machen.«[2] Die Leichtigkeit mit der sich alles, was wir Verstand, Seele oder Geist nennen, zerstören ließ, erstaunte Améry sein Leben lang. In Auschwitz ließ ihn die Vernunft vielfach im Stich.“

Im weiteren Verlauf ihres fesselnd-kämpferischen Vortrags ging Susan Neiman dann über zu Amérys Auseinandersetzung mit Adorno. Sie spannte dabei den Bogen von dem berühmten Zitat, dass „nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch ist“[3], bis zur Kritik an Adornos und Horkheimers »Dialektik der Aufklärung«. Dieses 1949 formulierte und 1951 erstmals veröffentlichte Verdikt Adornos hat eine vielfältige Debatte hervorgerufen. Einen guten Überblick dazu gibt Peter Stein in seinem Beitrag “Darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben.”[4] Die Kritik Amérys hat Adorno wohl mehr zu einer Revision gebracht, als das immer wieder zitierte Gegenbeispiel von Celans »Todesfuge«. In der 1966 erschienen »Negativen Dialektik« schreibt Adorno: „Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben. Nicht falsch aber ist die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse, ob vollends es dürfe, wer zufällig entrann und rechtens hätte umgebracht werden müssen. Sein Weiterleben bedarf schon der Kälte, des Grundprinzips der bürgerlichen Subjektivität, ohne das Auschwitz nicht möglich gewesen wäre: drastische Schuld des Verschonten. Zur Vergeltung suchen ihn Träume heim wie der, daß er gar nicht mehr lebte, sondern 1944 vergast worden wäre, und seine ganze Existenz danach lediglich in der Einbildung führte, Emanation des irren Wunsches eines vor zwanzig Jahren Umgebrachten.“[5]

Angeregte Gespräche beim Empfang nach dem Vortrag              Foto: HB

In verschiedenen Beiträgen kritisiert Améry die »Dialektik der Aufklärung«[6] von Adorno und Horkheimer, die er nach ihrem Erscheinen mit Begeisterung gelesen hatte.[7] Er konstatiert und darauf weist Neiman nachdrücklich hin: „Was hat sich ereignet, dass die Aufklärung zu einem ideengeschichtlichen Relikt wurde, gut genug allenfalls für emsig-sterile Forscherbemühtheit? Welche traurige Abirrung hat es dahin gebracht, dass zeitgemäße Denker Begriffe wie Fortschritt, Humanisierung, Vernunft nur noch unter vernichtenden Gänsefüßchen zu gebrauchen wagen?“[8] Diese Kritik findet sich in vielen anderen Aufsätzen Amérys. Die entgegen solchen Erfahrungen widerständige Haltung Amérys bringt Neiman auf den Punkt: „Im Einspruch gegen jedes der Vernunft zuwiderlaufende Vorkommnis finden wir den Wert des Menschen: Nur dank dieser Revolte gegen die Wirklichkeit sind wir fähig, Geschichte zu machen, Sinn und Würde zu schaffen. Wenn Amérys Verteidigung dieser Ideen so zu bewegen weiß, so ist der Nachweis ihrer Antithese nicht weniger schlagend. Denn kein anderer Autor hat Reflektion und Erfahrung so erfolgreich verbunden, um uns davon zu überzeugen, dass dieses Unterfangen spätestens nach Auschwitz zum Scheitern verurteilt ist.“

Amérys Ringen um die Bewältigung dieser Antinomie durchzieht sein gesamtes Werk. Damit, so Neiman, steht er auch in der Nachfolge Kants. Auf die Frage, wo er sich philosophisch verorte, bezeichnete er sich als existentialistischen Positivisten.[9] Der Blick des Aufklärers Améry war auf die Zukunft gerichtet. Wenn Améry hart mit Adorno in Gericht ging, so tut er dies noch viel nachhaltiger mit Foucault. Viele seiner Artikel über diesen und die anderen neuen Philosophen in Frankreich, mit deren Werken er außerordentlich gut vertraut war, kritisieren die neue Philosophie der Glucksmann, Lévy und anderer als alten Nihilismus.[10] Neiman pointiert: „So wie Améry es sieht, ist für Foucault und andere Strukturalisten „das System … alles, der Mensch nichts“, und dass, obwohl diese Autoren nur vage definieren, was das System ist. Wenn Struktur alles ist, wo bleibt dann noch Raum für menschliches Eingreifen? Tatsächlich, so Améry, gebe es für Foucault im historischen Prozess kaum so etwas wie Kausalität. Améry formuliert dem gegenüber: „Der Mensch als geschichtliches und moralisches Wesen ist frei nur, wenn er aus dem Panzer der Strukturen auszubrechen vermag; dass dies im Feld seines Möglichen liegt, hat er oft genug bewiesen.“[11] Foucault interessiert sich nicht für Beispiele von Befreiung, vor allem deshalb nicht, weil er glaubt, dass jede Befreiung sich bloß als eine subtilere Form der Unterdrückung entpuppt. „Mit diesem Manne ist nicht zu spaßen. Demystifikation ist sein unerbittliches Geschäft, Zerstörung humanistischer, melioristischer Illusionen sein brennendes Desiderat.“[12]

Neiman resümierte zum Schluss ihres Vortrages: „Wenn wir nicht anerkennen können, dass in der Vergangenheit, der ein oder andere Fortschritt erzielt worden ist, werden wir niemals den Willen in uns finden, weitere Fortschritte zu machen. Ein Werk, das darauf abzielt, alle früheren Fortschrittsversuche zu dekonstruieren, ist nicht bloß defätistisch – obgleich es das auch ist –, es kann vor allem nicht beanspruchen, links zu sein.“

Kein Wunder, dass in der an ihren Vortrag sich anschließenden Diskussion Amérys und auch ihr eigener kritischer Blick auf den fehlenden oder vernachlässigten Blick Adornos und Foucaults auf den Fortschrittsbegriff Thema der Debatte war.

In Kenntnis der Tübinger Debatte bemerkte der gastgebende Professor Eckard Goebel, der dankenswerterweise in seinem Begrüßungsstatement kenntnisreich die Rednerin vorgestellt hatte, an, dass der Geist Foucaults in der aktuellen Uni-Debatte durchaus virulent sei.

Mit ihren versierten Antworten zeigte die Direktorin des Einstein Forums, dass sie in der Debatte auf der Höhe der Zeit ist. Die vorgebrachten Gegenargumente brachten sie nicht davon ab, ihren fortschrittsbezogenen, kritisch linken Standpunkt aufrechtzuerhalten; ganz im Sinne Jean Amérys.

Über diesen – „seinen Freund und Doppelgänger“ – hatte Hans Mayer am 29. Oktober 1978 in seinen Gedenkworten in der »Akademie der Künste« formuliert: „Von Büchern, wie sie Jean Améry schrieb, hat ein Leser, der wirklich gemeint war, stets alles zu befürchten. Hier schrieb einer, der sich auskannte. Der wußte, was mit Worten wie Unfreiheit und Folter, Ohnmacht und Terror, aber auch wie Freiheit und Solidarität nur unzulänglich beschrieben werden konnte.“[13]

Heinrich Bleicher

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Wann und wo Professor Susan Neiman ihren Tübinger Vortrag veröffentlichen wird, ist noch offen. Es besteht allerdings die Möglichkeit, ein aktuelles Interview mit ihr zu sehen. Der Stellvertretende Vorsitzende der Hans-Mayer-Gesellschaft hat mit ihr ein Gespräch für den Klett-Cotta-Blog geführt. In diesem Verlag sind die Werke von Jean Améry erschienen.

Siehe blog klett-cotta: http://blog.klett-cotta.de/sachbuch/nachgefragt-susan-neiman-spricht-ueber-jean-amery/

[1] Die Zitate aus Neimans Vortrag sind im Weiteren kursiv gesetzt.
[2] Jean Améry, Die Tortur, in: Jenseits von Schuld und Sühne, Stuttgart 2015, S. 73f.
[3] Das vollständige Zitat lautet: »Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ist, heute ein Gedicht zu schreiben.« Theodor W. Adorno, Kulturkritik und Gesellschaft, in: Gesammelte Schriften Bd. 10/1, S. 30.
[4] Siehe Peter Stein Peter Stein, “Darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben.” (Adorno) in: Weimarer Beiträge (1996), H. 4, S. 485 – 508.
[5] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Frankfurt 1967, S. 353f.
[6] Die erste gedruckte Auflage erschien 1947 im Querido-Verlag in Amsterdam. In leicht überarbeiteter Fassung wieder 1969 und 1971 als Taschenbuch. In den 60er Jahren als begehrter Raubdruck.
[7] Jean Améry, Aufklärung als Philosophie perennis, in Werke Bd. 6, S. 554.
[8] A.a.O., S. 549.
[9] Siehe dazu Jean Améry, Rückkehr des Positivismus? In Werke Bd. 6, S. 359- -373, insbesondere 363-365.
[10]  Siehe Jean Améry, Neue Philosophie oder alter Nihilismus – Politisch-Polemisches über Frankreichs enttäuschte Revolutionäre (1978), in: Werke Bd. 6, S. 232-254.
[11] Jean Améry, Wider den Strukturalismus, in: Werke Bd. 6, S.105.
[12] Jean Améry, Michael Foucaults Vision des Kerker-Universums, in: Werke Bd. 6, S.211.
[13] Hans Mayer, Gedenkworte für Jean Améry, in Werke Bd. 9, S. 568f

„Zwei Wirklichkeiten ineinandergeschachtelt“

E.T.A. Hoffmann zum 200. Todestag

Mit einem Hans Mayer gewidmetem Essay würdigt dessen US-Amerikanischer Übersetzer, Professor em. Jack Zipes, den Erzähler E.T.A. Hoffmann zum 200. Todestag am 25. Juni.

1958 hatte Hans Mayer im Aufbau-Verlag Berlin (Ost) das poetische Werk Hoffmanns in sechs Bänden herausgegeben. Im Vorwort dazu analysiert Mayer „Die Wirklichkeit E.T.A. Hoffmans. Er stellt fest: „Die erste Hoffmann-Erzählung (Ritter Gluck, HB) enthüllt bereits, daß Hoffmanns Wirklichkeitsauffassung der Eindeutigkeit entbehrt. Hier sind offenbar zwei Wirklichkeiten ineinandergeschachtelt“.[1] Und etwas später: „Die Zweiteilung der Wirklichkeit als Dualität gegensätzlicher Raum- und Zeitaufstellungen durchzieht gerade die wichtigsten Werke Hoffmanns.“[2]

In dem Essay den Zipes zur Einleitung von fünf Erzählungen Hoffmanns geschrieben hat, bezieht er sich auf Traumata in der kindlichen Entwicklung und schildert dieses Problem in Reflektion der tragischen Kindheit die Hoffmann erlebt hat. Dabei geht es ihm auch um Vergangenheitsbewältigung.

Nachfolgend einige Ausführung Jack Zipes. Der gesamte Text der Einleitung „E. T. A. Hoffmann, der verwundete Geschichtenerzähler und seine traumatischen Erzählungen“ steht als Download (s.u.) zur Verfügung.

Die Vergangenheit braucht nicht zu schweigen. Sie will sprechen und aktiv sein. Wir versuchen, die Vergangenheit wegen der Wunden, die wir erlitten haben, zu verdrängen. Die einzige Möglichkeit, die Vergangenheit nicht mehr zu verdrängen, besteht darin, sie mit Geschichten zu konfrontieren. Das ist das große Verdienst von E. T. A. Hoffmann.

Es gibt viele deutsche Volks- und Märchenschriftsteller aus der Vergangenheit, nicht nur die Brüder Grimm, die bedeutend waren und sind, weil sie begnadete “Zauberer” waren, die es verstanden, durch die Kraft und den Stil ihrer außergewöhnlichen Schreibweise die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Manchmal, wie bei Hermann Hesse, haben ihre Märchen ihren Reiz verloren, weil die Konflikte, die sie schildern, uns nicht mehr betreffen oder berühren. Die Erzählungen verblassen und werden zu schönen Erinnerungen an eine Zeit, die einmal war. Ihre einst populären Werke rufen nicht mehr nach uns, und wir kehren zu ihnen zurück, um vor allem die Nostalgie zu befriedigen.

Das ist bei E. T. A. Hoffmann und seinen Werken ganz und gar nicht der Fall. Seine Märchen wurden als krank, seltsam, wunderbar, eigenartig, befremdend, schrecklich, dunkel, sinnlos, verstörend und erschreckend bezeichnet. Niemals erhellend. Dennoch haben sich Schriftsteller, Musiker, Dramatiker, Künstler und Filmemacher von ihnen angezogen gefühlt und sie für die Bühne und die Leinwand adaptiert, weil sie in den Märchen etwas Lebendiges gefunden haben, das Hoffmann mit der Welt teilen wollte. Manchmal sind sie nahe dran, die verstörenden Elemente von Hoffmanns Werken zu erfassen, weil sie wie er gelitten haben. Sie haben sogar versucht, sie für Kinder annehmbar zu machen, aber die Geschichten sind zu komplex und schockierend, es sei denn, man ist Maurice Sendak und dafür bekannt, verwundet und subversiv zu sein, wie Hoffmann es war. Aber auch hier war Sendak nur ein Künstler unter vielen bedeutenden Schriftstellern und Dichtern, die von Hoffmann beeinflusst wurden, wie Tochetti, Edgar Allen Poe, Charles Baudelaire, Nikolai Gogol, Charles Dickens und zahlreiche andere, die die umwerfenden, phantasievollen Werke Hoffmanns nicht übertreffen konnten. In der Tat sollte die Krankheit seiner Erzählungen Hoffmann und seinen Lesern helfen. Die Essenz von Hoffmanns Erzählungen ist zumeist so persönlich, dass niemand Hoffmanns herzergreifende Krankheit wirklich verstanden hat und vielleicht auch nie verstehen wird. …

Es ist klar, dass Hoffmann ein Leben lang Opfer und Heiler von Traumata war, und durch sein Erzählen, sei es durch das Schreiben von Geschichten, das Zeichnen von Skizzen, das Komponieren von Musik und das Knüpfen von Freundschaften in seinem Serapion-Club, wurde er zu einem Heiler – einem Heiler derjenigen, die bereit waren, seine ergreifenden Geschichten zu hören und zu lesen. Hoffmann hat sich nicht auf ein bestimmtes Publikum oder eine bestimmte Gruppe von Lesern konzentriert. Angesichts seiner eigenen Interessen und der Förderung eines gegenkulturellen Denk- und Lebensansatzes vertrat Hoffmann jedoch eine Position, die seine Unzufriedenheit mit dem zivilisatorischen Prozess seiner Zeit zum Ausdruck brachte und die bis in unsere Zeit hineinreicht.

Hoffmanns unglückliche Kindheit begleitete ihn fast sein ganzes Leben lang, und anstatt sich der Misshandlung zu ergeben, verwandelte er die meisten dieser Störungen durch das Erzählen von Geschichten in Kunst. Das ist meiner Meinung nach der Grund, warum seine Erzählungen immer noch eine starke Wirkung haben. Wenn Hoffmann heute von Bedeutung ist – und das ist er zweifellos -, dann deshalb, weil ihn die Art und Weise, wie Erwachsene Kinder misshandeln, sehr beunruhigt hat und weiterhin beunruhigt. Meiner Meinung nach ist diese Besorgnis die Grundlage dafür, dass er heute Leser auf der ganzen Welt anspricht, denn wir leben in einer Zeit, in der Kinder wie schweigsame Figuren in einem Schachspiel behandelt werden…

Bevor ich darauf eingehe, wie sehr das Trauma in den fünf Erzählungen des vorliegenden Bandes eine Rolle spielt, möchte ich kurz auf einige der großen traumatischen Ereignisse in Hoffmanns Leben eingehen, um zu zeigen, dass sein Schreiben eine Form der Auseinandersetzung mit Kindlichkeit und Trauma angenommen hat. Darüber hinaus möchte ich argumentieren, dass wir von seinem “traumatischen” Schreiben angezogen werden, weil wir alle eine Art von ähnlichem Missbrauch erlebt haben. In der Tat kann niemand in zivilisatorischen Prozessen, die Gehorsam und Loyalität gegenüber willkürlichen Gesetzen und Traditionen fordern und erzwingen, Traumata vermeiden. Wir alle werden geboren, um von unseren Eltern und der Gesellschaft gepflegt zu werden, und diese Pflege kann uns zu Automaten formen oder uns krank machen, was Hoffmann in der Geschichte über das Sandmännchen zu enthüllen suchte. Noch drastischer ist jedoch, dass er aufdeckt, wie grausam und missbräuchlich die “normalen” und zufriedenen Erzieher und Politiker unserer Institutionen sind. Die meisten der jungen Menschen in Hoffmanns Werken wünschen und erträumen sich eine traumhafte Zukunft, ein künstliches Paradies, aber ihre Zukunft wird von banalen gesellschaftspolitischen Erwartungen und Forderungen diktiert, die sie in den Wahnsinn treiben. Obwohl Hoffmann Mitglied der herrschenden Klasse in Berlin wurde, war er in dieser Position nie glücklich und versuchte noch bei seinem Tod, die Ungerechtigkeiten aufzudecken, die junge Menschen ertragen mussten. …
In den fünf hier vorgestellten Erzählungen werden einige der Protagonisten auf tragische Weise von ihren Traumata überwältigt, während andere wieder zu sich selbst finden und ihr Glück finden. Allerdings können wir nicht sicher sein, dass dieses Glück von Dauer ist in einer Gesellschaft, in der es normal ist, junge Menschen zu missbrauchen und sie zu zwingen, die strengen Gesetze eines rigiden Zivilisationsprozesses zu befolgen. Die phantastischen Konflikte in allen fünf Erzählungen spiegeln Hoffmanns Sorge um die jungen Menschen wider und zeigen, dass der Widerstand gegen das, was als normal und anständig gilt, der Schlüssel zum Überleben ist.“

Wir danken Prof. em Jack Zipes ganz herzlich für seinen Hans Mayer gewidmeten Essay und freuen uns, dass er mit seiner Einleitung zu den fünf Texten einen neuen, spannenden Blick auf den vor 200 Jahren verstorbenen Erzähler E.T.A. Hoffmann richtet.

(Übersetzung des Textes Heinrich Bleicher)

[1] E.T.A. Hoffmann, Poetische Werke, Erster Band, Berlin 1958, Vorwort Hans Mayer, S. VIII
[2] A.a.O., S. X

“Die unerschrockensten Gedanken”

Zum 20. Todestag von Hans Mayer

Am Montag, dem 28. Mai 2001, 9 Tage nach seinem Tod in Tübingen, ist Hans Mayer auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt worden. Eine große Trauergemeinde, mit zahlreichen Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie Prominenz aus den Bereichen Musik und Theater sowie Wissenschaft und Verlagen bis hin zum Bundespräsidenten Rau, war versammelt. Unter ihnen auch seine Schülerinnen und Schüler sowie Freunde und Freundinnen wie Inge und Walter Jens, Christa Wolf, Christoph Hein und Volker Braun. Letzterer hat für das im Februar erschienene Buch mit Gesprächen über Hans Mayer[1] den nachfolgenden Beitrag beigesteuert:

In den Ruinen des Jahrhunderts sieht Hans Mayer, der Hundertjährige, eine Wegwerfgesellschaft“, schrieb ich 1998, überzeugt, daß er das Alter erreiche – sein Selbstgefühl gab ihm unerhörte Spannkraft, und daß er sein Zeitalter wie kein anderer auffaßte. Schon im Leipziger Hörsaal 40 waren wir generös bedient worden, und noch der Greis äußerte die unerschrockensten Gedanken: die bürgerliche Gesellschaft verschwindet, der Kapitalismus bleibt. Kulturschöpfung und Kulturzerstörung; das Selbstgefühl, „so eine Lebenstatsache in mir“, ließ ihn nicht irre werden an der geschichtlichen Handlungsfähigkeit, und ich hörte ihn Karl Kraus zitieren:

                    Immer noch meint Ihr, es gehe um Meinungen,
                    aber der Widerspruch ist in der Welt.

Ein Großer seines Metiers wird uns deutlich in seinen charakteristischen Stücken: der Versuch über den Erfolg Goethes, vielmehr dessen Mißerfolge, und Die plebejische Tradition Brechts gehören unbedingt dazu. Ich habe ihn im Witz schwelgen und in jähem Zorn gesehn, oder eins nach dem andern, in der Gasse des Frankfurter Theaters, bei der Brecht-Ehrung zu lange mit seiner freien Rede wartend, in der Akademie der Künste, als dem hundertjährigen Jünger gehudelt wurde, im Hotel Excelsior in Köln, als wir am 18. 3. 1990 das Wahlergebnis erfuhren. Der Verletzliche, rohe Verhältnisse fliehend, der Deutsche auf Widerruf, hatte eine größte Tugend: Gerechtigkeit, Erinnerung an eine Deutsche Demokratische Republik. Und wer (die Lumpen wagen es alle nicht), durfte in sein Buch über die Deutschen schreiben: Im Herzen kündet es laut sich an: Zu was Besserm sind wir geboren. – Als ich nach seiner Beerdigung die Chausseestraße überquere, fragt ein altes schlumpiges Weib: Wat for eine Arroganz is nu wieder gestorben? – Nein, leugne, ich – Diepgen etwa? – Nein, meine Dame, ein Herr.”

Grab Hans Mayers (Foto: HB)

Nach der Geburt in Köln 1907 und der Studienzeit, Jahren des Exils in Frankreich und der Schweiz, seinen Professuren in Leipzig und Hannover und dem langen Lebensabend in Tübingen hat er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chauseestrasse in Berlin neben dem Brecht-Haus seinen letzten Ort gefunden. In der Nähe seines Grabes befinden sich u.a. die Ruhestätten von Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Anna Seghers und Georg Wilhelm Friedrich Hegel aber auch zahlreicher Schriftstellerkolleginnen und Kollegen, die er in seinem langen Leben persönlich gekannt hat.

[1] Der unbequeme Aufklärer – Gespräche über Hans Mayer, Herausgegeben mit einer Einleitung von Heinrich Bleicher, Mössingen-Talheim 2022. Weitere Informationen zu diesem Buch aus dem Talheimer-Verlag finden sich hier: https://tinyurl.com/2p8x37ph

 

„Das unbefangen Menschliche“

Zur Erinnerung an Peter Brückner

„Den sechzigsten Geburtstag hat er nicht mehr erlebt. Geboren am 13. Mai 1922 in Dresden, starb Peter Brückner, Professor der Sozialpsychologie an der Universität Hannover, am 10. April 1982 in Nizza, wo er sich Erholung erhoffte von der Krankheit und – vielleicht – für die Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit. Kurz vor Brückners Tode nämlich waren, zu Ende des Jahres 1981, alle disziplinarischen Maßnahmen und “Suspensionen” aufgehoben worden, mit denen man fast ein Jahrzehnt lang, seit 1972, einen scheinbar Unwürdigen vom akademischen Lehramt fernzuhalten gedachte.“[1]

“Ich bin, wenn ich gehe”      Quelle:Peter Brückner-Archiv.

So beginnt Hans Mayer seinen Artikel über „einen bedeutenden Kollegen und Freund“ in der »Zeit« zum Thema »Leben und Denken: Selbstbefreiung in der normalisierten Welt«.

Brückner, so erläutert Hans Mayer, hatte nicht die „notwendige und übliche Rücksicht eines Hochschullehrers“ gezeigt. In großen Lettern hatten die Zeitungen ihr Urteil über den Mann gesprochen, der Ulrike Meinhof und einem Begleiter aus der RAF nach der gewaltsamen Befreiung von Andreas Baader 1970 Unterschlupf gegeben hatte. Brückner war schon lange Jahre vorher befreundet gewesen mit der Psychologieprofessorin Renate Riemeck und ihrer Adoptivtochter Ulrike Meinhof.

Drei Jahre lang, bis zu seinem Freispruch 1975, wurde Peter Brückner als „Komplize, Sympathisant und geistiger Wegbereiter der Terroristen um Baader und Meinhof angeprangert.“[2]

Hans Mayer hatte sich auf seine Zeit als Volljurist besonnen und eine Stellungnahme verfasst, die im April 1972 in den »Frankfurter Heften« veröffentlicht wurde. Nach umfangreicher juristischer Argumentation war Mayer zu dem Schluss gekommen: „Würde Peter Brückner – im Namen der Staatstreue – aus dem Lehreramt entfernt, so wäre das kein Vollzug, sondern eine Verletzung des Grundgesetzes.“[3]

Der Psychologieprofessor sei in seiner Forschung und Lehre folgerichtig geblieben. Er habe die Freiheit des Gelehrten erfüllt und nicht verraten. Er habe den „Prinzipien radikaler Aufklärung, wie sie sich als Postulat wiederfinden im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland“ die Treue gehalten und „nicht einer gesellschaftlichen Ordnung, die er als Unordnung interpretiert, einer Freiheit, die ihm in der Analyse höchst unfrei und befreiungswürdig vorkam.“[4]

Später, nach dem Mord am Bundesanwalt Buback, hat Brückner zusammen mit anderen Hochschullehrern die Veröffentlichung eines als fragwürdig genannten Aufrufs übernommen, von dem er sich inhaltlich distanziert hatte. Er wollte verhindern, dass man Zensur übe und Meinungsfreiheit in der politischen Diskussion unterdrücke. Der Artikel „Buback – ein Nachruf“ erschien am 25. April 1977 in der Zeitung des AStA der Universität Göttingen und löste eine breite, in allen Medien diskreditierende und verfälschende Diskussion aus.

Für Brückner bedeutete das als „Mescalero-Affäre“ benannte Verfahren Hausverbot an der Uni und eine Anklage. Ausführlich äußerte sich Brückner dazu in seinem Buch »Die Mescalero-Affäre – Ein Lehrstück für Aufklärung und politische Kultur«[5]

Kenntnisreich und äußerst zutreffend analysiert Brückner diesen Artikel.[6] Das wird aber weder in der herrschenden Politik noch in der „Veröffentlichten Meinung“ verstanden und anerkannt. Die einzige Ausnahme ist ein Artikel im Tagessspiegel vom 12. August 1977.[7] Nach einer Reihe von Gerichtsverfahren wurde Peter Brückner 1981 von der Suspendierung freigesprochen. Unter schwierigsten Bedingungen hat er seine Aufklärungsarbeit und Unterrichtstätigkeit außerhalb der Universität z. B. im »Club Voltaire« fortgesetzt. 1980 erschien im Verlag Wagenbach, der seinem Autor die Treue hielt, das Buch »Das Abseits als sicherer Ort«[8], in dem Brückner seine Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945 erzählt.

Mit diesem Buch ging Peter Brückner auf Lesereise. Der Autor dieses Artikels hatte das Glück, an der Universität Münster bei einer dieser Lesungen dabei zu sein. Noch beeindruckender das Treffen danach in der bekannten Münsteraner Kneipe „Der Pulverturm“. Es gelang, einen Sitzplatz neben Brückner zu ergattern und der Abend wurde zu einem der beeindruckendsten politischen Gespräche mit dem so überzeugenden und menschlich so warmherzigen Menschen. Vom Tag danach standen die Bücher von Peter Brückner wieder auf dem Leseplan. Es gab viel zu lernen, zum Beispiel von dem Buch, »Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären«.[9]

Jahre später stieß ich auf den Film »Aus dem Abseits«, einen preisgekrönten Film von Simon Brückner über seinen Vater.[10] Man sollte ihn unbedingt sehen. Unter dem Brecht-Titel »Ich bin, wenn ich gehe“ erinnerten Zeitgenossen wie Hans Mayer, Oskar Negt und Axel-R. Oestmann zu seinem 70. Geburtstag an Peter Brückner. Zum 100. Geburtstag am 13. Mai, wird auch das Peter Brückner Archiv in Hannover an ihn erinnern und auf den Zugang und Dokumente über sein Leben und seine Arbeit verweisen.[11]

Die Grabplatte Peter Brückners Foto: HB

Im September 2021 war ich in Nizza und hatte mir vorgenommen, das Grab von Peter Brückner zu besuchen. Es war nicht einfach zu finden auf dem Cimetère de l’Est, Nice. Die mir mitgeteilte Angabe des Grabes traf nicht zu. Bei viel zu heißem Wetter fand ich es dann schließlich: Grab-Nr. 134526, Case 39.

Auf seltsame Weise kontrastierte diese Suche mit der Beschreibung von Barbara Sichtermann. Sie schreibt: „Ich erinnere mich an die kleinen grauen, nervösen Vögel, die über dem Grab meines Mannes auf dem Cimetière de l’Est von Nizza herumflatterten. Und an die hageren, langsamen, flüsternden Witwen, die in unförmigen Plastikbehältern Wasser über die Kieswege schleppten. Es ist hier üblich, nur den Namen und das Geburts- und Todesjahr in die uniformen Grabplatten zu meißeln. Ich ließ die Städtenamen unter die Ziffern setzen: Dresden und Nizza.“[12]

»Das unbefangen Menschliche«[13] heißt das aktuelle, im Wagenbachverlag erschienene Buch mit Artikeln von Peter Brückner, einschließlich von Kommentaren dazu. Wer mit der Brückner-Lektüre beginnen will, sollte es lesen. „Wie kaum ein anderer vermittelt er denkend zwischen radikaler Utopie, dem Aushalten von Widersprüchen, zwischen Solidarität und Autonomie.“

Heinrich Bleicher

[1]  Hans Mayer, Peter Brückner: Leben und Denken: Selbstbefreiung in der normalisierten Welt, in:  Zeit Nr. 48/1984 vom 23. November 1984
[2] Stephan Lohr, Brücker im Recht – Freispruch zweiter Klasse?  Zeit Nr.43/1975 vom 17. Oktober 1975
[3] Zitiert nach Hans Mayer, Professor Brückner und die Staatstreue, in: ders., Zeitgenossen, Frankfurt am Main 1998, S. 79-99, hier S. 97
[4] Ebenda, S.96f
[5] Peter Brückner, Die Mescalero-Affäre – Ein Lehrstück für Aufklärung und politische Kultur, Hannover 4.  erweiterte Auflage 1981
[6] Siehe ebenda, S. 27-39
[7] A.a.O., S. 51
[8] Peter Brückner, »Das Abseits als sicherer Ort – Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945«, Berlin 1980
[9] Peter Brückner, Versuch, uns und anderen die Bundesrepublik zu erklären, Berlin 1978
[10] Man kann ihn z.B. bei „Sooner sehen“ Siehe: https://www.missingfilms.de/index.php/filme/14-filme-katalog/203-aus-dem-abseits
[11] Siehe: https://www.tib.eu/de/recherchieren-entdecken/sondersammlungen/peter-brueckner-archiv
[12] https://archive.ph/20171028232117/http://www.zeit.de/1999/14/199914.erinnern.3_.xml#selection-475.0-485.12
[13] Das unbefangen Menschliche – Peter Brückner lesen, Berlin 2022

 

„Wir haben viel von ihm gelernt“

Hans Mayer zum 115. Geburtstag

Knapp einen Monat vor seinem 40. Geburtstag wurde Hans Mayer am 24. Februar 1947 zum Vorsitzenden der »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« VVN Hessen gewählt. Der Zeitungsbericht vom 25. Februar merkt zu seiner Person an, dass er „früher bei Radio Frankfurt“ gearbeitet hatte. Dorthin hatte ihn im Mai 1946 Golo Mann als amerikanischer Kontrolloffizier für den Hessischen Rundfunk von der Nachrichtenagentur Dana, der späteren Deutschen Presseagentur (dpa), abgeworben.[1]

Beim Rundfunk war Mayer als Chefredakteur für Nachrichten und Politik zuständig. Unter anderem führte er in der Redaktion Gespräche mit dem Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schuhmacher.[2] Als Chefredakteur hat er auch am „Nürnberger Prozeß“ teilgenommen und zu dem Urteil über die Kriegsverbrecher am 2. Oktober 1946 einen Kommentar verfasst.[3]

Der Wechsel zum Rundfunk hatte Mayer auch eine „hübsche Wohnung“ in der Parkstraße nicht weit von seinem Arbeitsplatz ermöglicht. Sein „Status als Verfolgter des Naziregimes“ verbesserte auch seine materiellen Lebensumstände.[4] Die VVN hatte in den frühen Jahren nach dem Krieg einen wichtigen gesellschaftlichen Stellenwert. Neben der Sicherung der Existenz der politisch Verfolgten setzte sich die überparteiliche und überkonfessionelle Vereinigung auch für das Streben nach Wiedergutmachung für die erlittenen Verfolgungen ein. Allgemeine Ziele waren zum Beispiel die Mitwirkung an der Entnazifizierung, wozu auch die Bekämpfung der „Persilschein-Ausstellung“ in den eigenen Reihen gehörte. Wichtig waren ebenfalls die Einrichtungen für Kranken- und Erholungsheime. Dies geschah auch in Zusammenarbeit mit den Bruderorganisationen der VVN im Ausland.

Vom 15. bis 17. März 1947 fand in Frankfurt die „1. Interzonale Länderkonferenz der VVN“ statt. Sie gilt als die bundesweite Konstituierung der bisher regional existierenden VVN-Verbände. Anwesend waren auf dieser Konferenz 68 Delegierte der 4 deutschen Besatzungszonen und der Stadt Berlin und 62 Gäste aus 21 Ländern. „Mit allem Nachdruck forderten die … Vertreter von 250.000 Überlebenden des faschistischen Terrors eine Wiedergutmachung, die sie als eine politische moralische und rechtliche Pflicht des deutschen Volkes betrachteten.“[5]

In seiner Rede an den Kongress stellt Hans Mayer, Mitbegründer der VVN, deutlich heraus, dass sich knapp eineinhalb Jahre nach dem Ende des Naziregimes die Hoffnungen der Anfangsphase deutlich geändert haben. Es gehe darum ein „neues Antlitz“ Deutschlands zu zeigen:

„Und wie muss dieses neue Antlitz aussehen? Damit spreche ich von uns, den Männern und Frauen des deutschen Widerstandes, den Verfolgten des Naziregimes. Wir haben heute im deutschen Volk eine gute Presse. Wir wollen uns keinen Illusionen hingeben. Vor eineinhalb Jahren glaubten wir, ein wirklicher Aufbau Deutschlands von unten nach oben auf gesunder demokratischer Grundlage sei möglich, bei der diejenigen Menschen, die sich im Widerstand am besten bewährt hatten, die wirklich Opfer der politischen und religiösen Überzeugung gebracht hatten, dass es diesen Menschen vorbehalten sein sollte, auch diejenigen Kräfte zu stellen, die den deutschen Neuaufbau leiten können. […]

Wir wissen, dass es eine Illusion war, und es war für uns eine schmerzliche Erfahrung, zu sehen, daß schrittweise … immer mehr diejenigen Kräfte, die sich wirklich im Antinazikampf bewährt haben, aus der Öffentlichkeit weggezogen, weggezerrt, weggedrückt werden, um ersetzt zu werden, durch wen? Durch die Ewiggestrigen, die Ewigheutigen, die nur eine Garantie ganz bestimmt der deutschen Gegenwart und Zukunft geben werden, nämlich, daß sie immer wieder bereit sein werden, bei aller Schlechtigkeit des jeweiligen Regimes sich zur Verfügung zu stellen.“

Abschließend stellt Mayer fest: „Unsere Aufgabe ist, über alle Parteien, Bekenntnisse und Abstammung hinweg eine Vereinigung der Menschen zu schaffen, die warnen, die aufpassen, die den Zeigefinger heben, und die schreien, und die notfalls mit allen Mitteln der Kraft der Zahl und der Überzeugung, die sie verkörpern, der Welt zeigen, wie notwendig es ist, gegen den Nazismus zu kämpfen.“[6]

Klare Positionierungen wie diese und andere ähnliche Beiträge im Rundfunk waren am Vorabend des „Kalten Krieg“ von Seiten der Amerikaner nicht mehr erwünscht. „Daß meine Kommentare zur Außenpolitik immer stärker mißfielen im amerikanischen Hauptquartier, wurde mir hinterbracht. […] Ich bekam ein Staatsbegräbnis. Am nächsten Tag (nach einem Kommentar über Tito, HB) wurde ich vom Intendanten und der Versammlung aller Redakteure verabschiedet.“[7]

Mayer war arbeitslos. Die Rettung kam von Seiten der SPD und Gewerkschaften. Am   12. April 1947 fand die offizielle Wiedereröffnung der Akademie der Arbeit in der Aula der Johann Wolfgang Goethe-Universität unter Beteiligung der amerikanischen Militärregierung, des hessischen Kabinetts, der Stadtverwaltung und zahlreicher Gewerkschafter, Betriebsräte und Vertreter der Industrie- und Handelskammer sowie aller politischen Parteien statt. Die Leitung der Akademie übernahm Franz Joseph Furtwängler. Dieser bot Hans Mayer eine Stelle als Dozent für Gesellschaftswissenschaft an. Inhaltlich gesehen knüpfte diese Tätigkeit an die Arbeit für Horkheimers Institut für Sozialforschung in der Zeit des Exils an und Mayer stellte sich freudig dieser neuen Aufgabe.[8]

Intensiv kümmerte er sich aber auch um Aktivitäten der VVN. Konkret um die alltäglichen Hilfsaufgaben in der schweren Nachkriegszeit, aber auch als Redner bei verschiedenen Tagungen wie der „Internationalen Juristenkonferenz des Rates der VVN vom 20. bis 22. Mai, wo er die Eröffnungsrede hielt. Mit dabei war er auch bei der „Internationalen Gedächtniskundgebung für die Opfer des faschistischen Terrors“ vom 10.-12. September in Berlin oder nach der Aufnahme der VVN in die »Fédération Internationale des Résistants« FIAPP bei Beratungen vor dem Rat der VVN.[9]

Als Vorsitzender der VVN konnte Hans Mayer auch am „Ersten deutschen Schriftstellerkongress“ vom 4.-8. Oktober in Berlin teilnehmen. Unter dem Vorsitz von Ricarda Huch, Günther Weisenborn und anderen tagten dort zum ersten und letzten Mal in jener Zeit Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus allen Besatzungszonen. Sowohl diejenigen, die bereits aus dem Exil zurückgekehrt waren als auch solche, die die Zeit des Nazifaschismus in der inneren Emigration verbracht hatten.[10] Nach einem Beitrag von Anna Seghers sprach Hans Mayer zum Thema „Der Schriftsteller und die Gesellschaft“.[11] Für die »Frankfurter Hefte« schrieb Mayer einen Bericht über den Kongress. Er endet mit den Worten: „Der Schriftsteller ist ohnmächtig, wenn er abermals, wie in den vergangenen Jahren, das Objekt von Gewalten abgibt, die nicht aus seiner Sphäre sind, aus der Sphäre des Wortes und des Geistes. Er ist ohnmächtig, wenn er nicht die Gewalt des >j´accuse< kennt und anzuwenden weiß, die Macht des anklagenden Wortes. Von solcher Entscheidung, die jeder für sich treffen muss, hängt die Zukunft in der deutschen Literatur ab. Das wenigstens ist uns in Berlin klar geworden.“[12]

Von Berlin reist Mayer weiter nach Leipzig, wo er auf Einladung und in Vorbereitung der ihm zugesagten Professur für Weltliteratur drei Vorlesungen hielt. Eine davon über „Frankreich zwischen den Weltkriegen“. Ein umfangreicherer Text dazu war 1945 im Verlag der Exilzeitschrift „Über die Grenzen“ erschienen, für die Mayer in der Schweiz gearbeitet hatte. Die Wiederauflage 1946 im Oberbadischen Verlag Singen erschien unter dem Titel „Von der Dritten zur Vierten Republik – Geistige Strömungen in Frankreich 1939-1945“.[13] Auch darin plädiert er für die Verantwortlichkeit des Geistes. „Alle Literatur muss heute danach befragt werden, ob und mit welcher Kraft sie der Humanität und der menschlichen Emanzipation zu dienen vermochte.“[14]

An seinen Erfahrungen und Lernprozessen aus dem Exil und den daraus resultierenden Forderungen und Aufgaben, die er nach dem Krieg von Anbeginn vertreten hatte, hat Mayer sein ganzes Leben lang festgehalten. Immer auch mit vehementem politischen Anspruch, aber nicht im Sinne einer Parteipolitik. Der Organisation der Verfolgten des Naziregimes und ihren Zielen ist er treu geblieben. Angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges auf die Ukraine, aber auch das Erstarken des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik haben die Forderungen zur Gründung der VVN weiterhin Aktualität: Nie wieder Faschismus, für Frieden und Freiheit.

Am 19. Mai 1999, auf den Tag genau zwei Jahre vor seinem Tod, wurde ihm die VVN-Ehrenmitgliedschaft durch deren Kreisvereinigung Tübingen-Mössingen verliehen. Er revanchierte sich mit einem Vortrag zum Thema „Jahrgang 1907 – Rückschau auf das Jahrhundert.“ In der Traueranzeige im Mai 2001 dankte die VVN ihrem Mitbegründer dem „Homo doctus – Homme de lettres – Sozialist ohne Parteibuch Verkörperung eines besseren Deutschland mit den Worten: „Wir haben viel von ihm gelernt“.

Heinrich Bleicher

[1] Siehe Hans Mayer, Ein deutscher Auf Widerruf -Erinnerungen I, Frankfurt 1982, S.336
[2]Siehe ebenda, S.360 ff
[3] Siehe ebenda, S. 342 ff
[4] Siehe ebenda S. 334 und 353
[5] Ulrich Schneider, Zukunftsentwurf Antifaschismus: 50 Jahre Wirken der VVN für »eine neue Welt des Friedens und der Freiheit«, Bonn 1997, S. 21
[6] A.a.O., S.22
[7] Hans Mayer, Erinnerungen I, S. 373 f
[8] Hans Mayer, Erinnerungen I, S. 378 ff
[9] Siehe dazu Jens Rüggeberg/Ulrich Schneider, Hans Mayer Widerstandskämpfer – Emigrant -Antifaschist, Bonn 0.J. (2007), S. 26 ff
[10] Siehe Hans Mayer, Erinnerungen I, S. 387-396
[11] Siehe Erster Deutscher Schriftstellerkongress 4.-8. Oktober 1947, herausgegeben von Urusla Reinhold, Dieter Schlenstedt und Horst Tanneberger Berlin 1997, S. 208-212
[12] Hans Mayer, Erinnerungen I, S. 395 f
[13] Hans Mayer, Von der Dritten zur Vierten Republik, Singen 1946
[14] A.a.O., S. 76

Vertrieben, Verfemt, Vergessen.

Theodor Lessing – ein schwieriges Andenken

Unter dem Tagungsthema »Sinngebung des Sinnlosen. Zum Leben und Werk des Kulturkritikers Theodor Lessing (1872-1933)« fand im Oktober 2004 zum
70. Todestag eine Tagung im Moses Mendelsohn Zentrum in Potsdam statt. Den Auftakt der Tagung bildete ein Vortrag des Schriftstellers Günter Kunert. Dieser betonte nachdrücklich in seinem Vortrag „Theodor Lessing. Der Prophet“ die starke Wirkung, die Lessing und sein philosophisches Denken auf ihn ausgeübt hatten. In zahlreichen thematisch vielfältigen Beiträgen wurde an einen Menschen erinnert, der in der Zeit der Weimarer Republik zu den bekanntesten Wissenschaftlern zählte. Der Titel des letzten Tagungspanels „Vertrieben, Verfemt, Vergessen“ gilt leider wohl auch heute noch.

Theodor Lessing           (Foto: Willi Burgdorf)

Als politischer Schriftsteller war Theodor Lessing bekannt wie Kurt Tucholsky. Bekannt war er nicht nur in seiner Heimatstadt Hannover, wo er an der Technischen Hochschule lehrte, sondern auch als Vortragsreisender in der gesamten Republik. Aufgrund seiner Ausbildung und der thematischen Vielfalt seines Schaffens war er Mediziner, Psychologe, Wanderlehrer, Journalist, Kritiker, Begründer der ersten Arbeiterunterrichtskurse in Dresden und Mitbegründer der Volkshochschule in Hannover.

Der am 8. Februar 1872 geborene Sohn einer alten jüdischen Familie verbrachte eine bedrückende Schulzeit, die für ihn ebenso wie das Elternhaus „eine Hölle“ war. Zum Schluss fand sich jedoch ein Lehrer der Verständnis für den Schüler hatte und ihn durch das Abitur brachte. Das Studium in Literatur, Philosophie und Psychologie schloss er mit der Promotion ab. Eine Habilitation an der Uni Dresden wurde dem Juden, Sozialisten und öffentlichen Verfechter des Feminismus verwehrt. Den 1. Weltkrieg verbrachte der Pazifist als Feldarzt und schrieb als eines seiner größeren und bekannten Werke den Essay »Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen«. Veröffentlicht werden konnte das Buch wegen der Militärzensur erst nach dem Krieg.

Mit diesem Werk ging er auch auf Vortragsreise. In Köln referierte er bei der »Gruppe sozialistischer Studenten« zu der auch Hans Mayer gehörte. Die Debatten müssen hart und konfrontativ gewesen sein. Mayer erinnert sich: „Der hochgewachsene Mann mit dem langen, damals ungewöhnlichen Bart… wich allen Versuchen aus, die historischen Abläufe genauer zu betrachten und nach irgendeiner Sinnhaftigkeit zu befragen. Da stand ein illuminierter Nietzscheaner, der Nietzsches durchaus historisch motivierte Kritik an einem spezifischen Historismus ausweitete: einerseits in Negierung aller Geschichtsbetrachtung, in apodiktischen Aktionismus zum anderen. Was sollten uns diese » vorlogischen, logischen und paralogischen Betrachtungen«, wenn es um Geschichte ging.“[1] Der Sozialist und Sozialdemokrat Lessing fand keinen Zugang und kein Verständnis bei seinen Zuhörern.

Als Privatdozent an der Technischen Universität Hannover verdiente Lessing nur unzureichend. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Ada, geborene Abbenthern, gründete er die Volkshochschule in Hannover-Linden. Im Januar 1920 fand die offizielle Gründungsfeier statt. Ada Lessing, Sozialdemokratin wie ihr Mann, wurde Geschäftsführerin und hatte diesen Posten bis zu ihrer Entlassung im Jahre 1933 inne. Einen großen Teil seines Lebensunterhaltes verdiente sich Lessing als Publizist. Er schrieb für Franz Pfempferts »Aktion«, für Leopold Schwarzschilds »Tagebuch«, für das »Prager Tageblatt« und für den »Dortmunder Generalanzeiger«. Die Zahl seiner Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften werden auf über zweitausend Artikel geschätzt.[2]

Große Aufmerksamkeit aber auch Widerstand seitens staatlicher Stellen erregte er mit seinen Berichten über den Prozess gegen den Massenmörder Fritz Haarmann in Hannover 1924. Sowohl als Publizist aber auch als Psychologe und Kulturkritiker verfolgte er den Prozess. Er „stellt eine Beziehung her zwischen den triebhaften Verbrechen eines einzelnen und dem staatlich befohlenen und organisiertem Töten im Krieg.“[3] Außerdem macht er die Fehler und Unfähigkeiten des Gerichts in verschiedenen Artikeln im »Prager Tageblatt« deutlich. Darüber hinaus den gesamten Prozess im Buch »Haarmann -Die Geschichte eines Werwolfs“[4]. Lessing, der hier, wie auch in anderen Prozessberichten mit der Kritik an den Fehlern der Polizei und den gesellschaftlichen Umständen der von den Kriegsfolgen und Armut geprägten Stadt Hannover nicht sparte, wurde vom Prozessverlauf ausgeschlossen. Nachdem Lessing das Haarmannbuch mit den genau benannten Fehlern und Versäumnissen der Richter und der Polizei beendet hatte, tauchte ein Schuldgeständnis Haarmanns auf, dass der mit ihm wegen gemeinsamen Mordes verurteilte Hans Grans unschuldig sei. Das Todesurteil gegen Grans wurde aufgehoben, das gegen Haarmann vollstreckt. Dies alles änderte aber nichts daran, dass Lessing als „Nestbeschmutzer“ seiner Heimatstadt weiter gehasst blieb. Es sollte aber schlimmer kommen.

Vor der 1925 anstehenden Wahl des Generalfeldmarschalls von Hindenburg zum Reichspräsidenten schrieb er in der Ausgabe des »Prager Tageblatt« vom 25. April 1925 einen Artikel über ihn der als leicht satirische Charakterstudie angesehen werden kann.[5] Sie beginnt mit den Worten: „Wenn man in das gute väterliche Antlitz des alten Hindenburg blickt, so fällt zunächst auf: die fast furchtbare Schwere dieses Antlitzes. … Ich kenne dies Antlitz und kenne sein Leben seit früher Jugend. … Bismarck hat von sich selber das schöne Wort gebraucht: „lch bin mit vollem Bewußtsein auf einer gewissen Stufe der Entwicklung stehen geblieben”. Das hatte Hindenburg nicht nötig. Die Natur hat ihn so einfach, so gradlinig und selbstverständlich gewollt, daß es überhaupt nichts zu entwickeln gab; nur die unbedenkliche Entfaltung eingeborener Vorurteile. Deutscher, Preuße, Christ, Monarchist, Soldat, Kamerad, …“[6]

Im weiteren Verlauf schildert Lessing Hindenburg als eine ehrbare aber für das Amt völlig untaugliche Person. Kritisch und ahnungsvoll warnend endet der Artikel mit folgenden Worten: „Nach Plato sollen die Philosophen Führer der Völker sein. Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thronstuhl besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht.“ Am 30. Januar 1933 war es dann so weit. Hindenburg übergab die Macht an Adolf Hitler.

Den Artikel im »Prager Tageblatt« hatte in Hannover kaum jemand wahrgenommen. Aber am 7.  Mai 1925 einen Tag vor einer Huldigungsfeier des gewählten Reichspräsidenten in Hannover, lancierte der »Hannoversche Kurier« verkürzte und verfälschte Zitate des Lessing-Artikels. Eine Hetzkampagne im großen Stil wurde gegen den Juden, Pazifisten und Sozialisten ins Werk gesetzt. Nationale und völkische Kreise griffen ihn an. Studenten gründeten einen „Kampfbund“ gegen ihn.

Wie das ablief, hat Arnold Zweig 1936 auf Wunsch von Anna Seghers in einem Gedenkartikel für den ermordeten Theodor Lessing eindrucksvoll beschrieben. Auch mit einem Rückblick auf dessen Werdegang unter Bezug auf die Lublinski-Affäre und den literarischen Streit mit Thomas Mann.[7]

Arnold Zweig: „Der Vorgang soll einmal schematisch festgehalten werden, mit dem in Deutschland die Tötung eines geistigen Menschen abrollt. Am Anfang steht das deutsche Kapitalverbrechen: Lästerung der Armee. …Erschien ein Aufsatz der das tat, in einer linken Zeitschrift, so gab es in den nächsten Tagen entrüstete Zitate daraus in den Blättern, die der Reichswehr nahe standen – Zitate, aus dem Zusammenhang zerrissene Sätze, zurechtgestutzte Zitate, Zitate, oft gefälscht dem Wortlaut nach, durch Weglassungen, Nachsätze, zuallermeist dem Sinne nach. Nur eine winzige Minderheit der Rechten las die Zeitschriften der Linken selbst; niemals gehörte dazu die Studentenschaft. Auf den Wink der abdruckenden Zeitschriften aber begann aufgrund dieser Zitate die Hetze gegen den Verfasser. … Stand er beim Staat in Lohn und Brot (wie die Herren geistige Ämter auffaßten) so ging man systematisch an seine Ausräucherung. Studententumulte in seinen Vorlesungen, drohende Artikel gegen ihn in den lokalen Zeitungen der Reaktion, Aufforderung zum Boykott, Bekanntgabe seiner Wohnung.“[8]

Die Hetze und das Kesseltreiben gegen Lessing liefen genauso ab. Er ging zum Gegenangriff über. In seinem Artikel „Massenwahn“ schildert und analysiert er den gesamten Vorgang einschließlich der Haltung der Universität ihm gegenüber und die Parteinahme für ihn durch sozialistische Studenten sowie SPD und KPD. Resümierend hält Lessing fest: „Aber es handelt sich nicht um mich und um mein Werk. Es handelt sich um ein Symbolisches. Dies war die erste Kraftprobe des kommenden Deutschland. Jenes Deutschlands, das auf den Staatsstreich hofft, auf die neue Militarisierung der Seelen und auf die Wiederkehr der >großen Zeit< … Ein Deutschland hoffnungsloser Verdummung, demutlosen Dünkels! …“[9]

Nach der Machtübergabe durch Hindenburg an Hitler flieht Lessing am 1. März mit seiner Frau Ada in die Tschechoslowakei und lässt sich dort im Kurbad Marienbad nieder. Lessing setzt seine publizistische Tätigkeit fort und will mit seiner Frau dort eine Schule für emigrierte jüdische Kinder eröffnen. Am 10. Mai werden seine Bücher verbrannt und am 25. August wird er ausgebürgert. Auf seine Ermordung wird ein Kopfgeld ausgesetzt. In der Nacht vom 30. auf den 31. August wird er in seiner Wohnung von zwei nationalsozialistischen Mördern hinterrücks erschossen. Seine Frau und eine Tochter überleben und kehren später nach Hannover zurück.

Zur 50-Jahr-Feier der von Theodor Lessing mitbegründeten Volkshochschule hält Hans Mayer 1969 einen Vortrag. Titel: „Bericht über ein politisches Trauma.“ Er erinnert an die Hetze, Verfolgung und den Mord. Natürlich auch an den Philosophen in der Nachfolge Schopenhauers und Nietzsches. „Das Paradoxon eines Denkens wider das Denken hat Lessings Leben und Wirken so widerspruchsvoll gemacht. Dieser Feind der Dialektik wurde ein Opfer der Dialektik. Seine Entrüstungen galten der Geistlosigkeit und Herzensträgheit.“[10] Um Theodor Lessing kennen zu lernen schlägt er vor, dessen Jugendgeschichte zu lesen »Einmal und nie wieder«. Die Sinngebung meine nicht Untergangssehnsucht „sondern das Unwiederbringliche des einmal gelebten Augenblicks“.[11]

Heinrich Bleicher

[1] Hans Mayer, Ein Deutscher auf Widerruf, Band 1, S. 120
[2] Theodor Lessing, Wortmeldungen eines Unerschrockenen – Publizistik aus drei Jahrzehnten, herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Hans Stern, Leipzig und Weimar 1987, S. 29
[3] Hanjo Kesting, Denker der Not, in Ein bunter Flecken am Kaftan, Göttingen 2005, S. 2
[4] Theodor Lessing, Haarmann die Geschichte eines Werwolfs, herausgegeben von Rainer Marwedel, Frankfurt am Main 1989
[5] Faksimile siehe: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/annoshow?call=ptb|19250425|3|100.0|0
(Zugriff am 7.2.2022)
[6] ebenda
[7] Siehe dazu u.a. https://www.deutschlandfunk.de/philosophie-und-so-ward-grau-die-welt-100.html (Zugriff am 7.2.2022)
[8] Arnold Zweig, Theodor Lessing, ermordet am 31. August 1933, in: Ders., Essays Zweiter Band Krieg und Frieden, S. 91-98, S. 93f
[9] Theodor Lessing, Wortmeldungen eines Unerschrockenen, S. 341
[10] Theodor Lessing. Bericht über ein Trauma in: Hans Mayer, Der Repräsentant und der Märtyrer, Frankfurt am Main 1971, S. 94-120, hier 119
[11] Der Volltext findet sich im >Projekt Gutenberg<
https://www.projekt-gutenberg.org/lessingt/einmal/chap001.html (Zugriff am 7.2.2022)
Für die unermüdliche Herausgabe der Texte Lessings ist Rainer Marwedel mit den von ihm bereits bearbeiteten Texten hervorzuheben. Siehe dazu auch den Artikel in der digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 03.02.2022. Willi Winkler, Zwei Leben. https://tinyurl.com/2p8hj6d7 (Zugriff am 7.2.2022)

 

Trauer um das Ehrenmitglied Inge Jens

Dr. Inge Jens bei dem Gespräch über Hans Mayer (Foto: HW)

In Erinnerung an eine große Literatur-wissenschaftlerin trauert die Hans-Mayer-Gesellschaft um ihr Ehrenmitglied Dr. Inge Jens. Persönlich getroffen hat der Unterzeichner sie zuletzt bei den »Hans-Mayer-Lectures« im Oktober 2019 bei denen Professor Dr. Ernst Osterkamp unter dem Titel »Marienbader Bergschluchten« zu Goethes großem Schlüsselthema »Liebe« einen sehr erhellenden Vortrag gehalten hat. Mit Freude und Respekt wurde Dr. Inge Jens dort vom Vortragenden und weiteren Zuhörerinnen und Zuhörern begrüßt.

Die Pandemie hat dann leider weitere persönliche Begegnungen verhindert. Gern hätte ich unserem Ehrenmitglied ein vor wenigen Wochen erschienenes Buch mit Gesprächen über Hans Mayer persönlich überreicht. In dem Inge Jens gewidmeten Band „Der unbequeme Aufklärer“ – erschienen im Talheimer Verlag – sind Gespräche mit Personen dokumentiert, die Hans Mayer noch persönlich gekannt haben. Einer der interessantesten und kenntnisreichsten Beiträge ist das Gespräch mit Inge Jens.
Die Hans-Mayer-Gesellschaft wird Dr. Inge Jens ein ehrendes Andenken bewahren.

Heinrich Bleicher

(Ein ausführlicher Nachruf folgt.)

Diesen Roman unbedingt (wieder-)lesen

Hans Mayer: Anmerkungen zu Flaubert (1821-1808)

Am 12. Dezember jährt sich der Geburtstag von Gustave Flaubert (1821-1880) zum zweihundertsten Mal. Der Autor von Madame Bovary. Sittenbilder aus der Provinz wurde von Hans Mayer mit den Anmerkungen zu Flaubert, die 1954 in Sinn und Form erschienen, gewürdigt. 1989 erschien dieser Aufsatz wieder in Hans Mayers Weltliteratur. Studien und Versuche zusammen mit einem Text über Bouvard und Pécuchet, der als Einleitung zu einer Reihe von Lesungen aus Flauberts Roman für den Rundfunk entstanden war.

Büste Flauberts im Museum (Foto: HB)

Völlig unvergleichbar sind Sartres monumentale Studie über den Idioten der Familie (1970/71, neu aufgelegt und erweitert 1988), in dem er der Frage nachgeht, wie es Gustave Flaubert gelingen konnte, sich zum Autor der Madame Bovary zu entwickeln, um dann Madame Bovary interpretieren zu können, mit Hans Mayers Rezension der Madame Bovary, in der er den Aufbau und die Stoßrichtung des 1858 erschienen Romans so klar und präzise vorträgt, so dass ein Resümee von Mayers Beitrag nur lauten kann: „Sie müssen diesen Roman unbedingt (wieder-)lesen.“

Es geht um das Schicksal der Apothekergattin Emma Bovary (und ihren Ehegatten Charles), ihre Sehnsüchten und ihre Enttäuschungen, die sie schließlich in den Selbstmord treiben: „Die Meisterschaft des Künstlers, der diese zwiespältige, bald traurig, bald heiter stimmende Geschichte jeweils im richtigen Ton vorträgt, ist immer wieder bewundernswert,“ (S. 236) erklärt Hans Mayer, der in dieser kurzgefassten Betrachtung, den Aufbau des Romans, die Protagonistin und die wesentlichen Personen, die mit ihr in Beziehung stehen und die Wirkung dieses Romans so eindrucksvoll in die Literaturgeschichte einordnet.

Zunächst skizziert Mayer die Entstehung des Romans und die Reaktionen auf seine Veröffentlichung. Flauberts Schreibprozess ist in seiner Korrespondenz ausführlich belegt. Die Aufregung in Rouen über diesen Roman erinnert daran, wie präzise Flaubert mit seiner Geschichte über die bürgerliche Madame Bovary die Verhältnisse seiner Zeit getroffen hatte, genauso zielsicher, wie das Skalpell bei der Klumpfußoperation geführt wurde. Es geht in diesem Roman um eine „unerbittliche Darstellung bürgerlicher Lebensformen“ (Mayer, S. 242), wobei aber die ersten Leser und selbst Flauberts Freunde die „wunderbaren Formproportionen der Madame Bovary“ (S.243) nicht erkannten.

Es sind vor allem Mayers Anmerkungen zur Erzählstruktur dieses Romans, mit denen er ihn in das Gesamtwerk von Flaubert von der Erziehung des Herzens bis zu Bouvard und Péchuchet einordnet, die die unvergleichliche Bedeutung dieses Romans so nachhaltig unterstreichen: „Er (i. e. Flaubert, W.) liebte Madame Bovary als sein Geschöpf – und als Verkörperung des eigenen Erzählens.“ (S. 249) Die Geschichte, die in diesem Roman erzählt wird, reicht weit über Yonville hinaus. Es geht um die weitreichende Desillusionierung der Ehe, die beide Ehegatten durchmachen, es geht um ihre Illusionen, Hoffnungen und ihr finale Enttäuschungen.

Flaubert nimmt die Dramaturgie des modernen Kinos voraus, wenn Madame Bovary und ihr Liebhaber auf dem Balkon miteinander turteln und unten die Rede zum Landwirtschaftsfest gehalten wird. Cross-cut, der allerbesten Sorte.

Zu Besuch bei Madame Bovary. Flaubert: “Madame Bovary -das bin ich selbst” (Foto: HB)

Hans Mayer besitzt die Kunst, ein großes Werk der Literaturgeschichte in seiner Zeit und in seiner Wirkung für uns heute zu platzieren (vgl. S. 250 f). Und er zeigt, wie es Flaubert mit seinen sprachlichen Mitteln gelingt „kleine Gefühle mit allzu großem Ausdruck zu kontrastieren“ (S. 253) Da ist es die „Poesie des Wortes“ (S. 254), mit der Mayer die Konstruktion dieses Romans aufdeckt und sie mit seinen Beobachtungen belegt. Sein genauer Blick auf die Dialoge erklärt uns deren Aufbau, Anwendung und Bedeutung in diesem Roman.

Mayers Anmerkungen über Flauberts Roman Bouvard und Pécuchet widersprechen allen, die dieses Werk für misslungen halten. Beide lesen viel, sehr viel und probieren alles aus, und scheitern immer wieder grandios, geben die Hoffnung nicht auf, lesen wieder und scheitern wieder genauso jämmerlich. Bildung hilft nicht weiter? Ja, es geht um „Theorie und Praxis” (S. 260). Mayer nennt die beiden Helden dieses Romans „unzeitgemäß gewordene Aufklärer aus der Zeit eines Voltaire, Diderot und den Enzyklopädisten“ (S. 260), aber so lautet Mayers Schlussfolgerung, der Roman ist „immer noch ein Bildungsroman“ (S. 23). Die Dummheit ist sein großes Thema, das den „Nihilismus und die Absurdität heutiger Romane“ (S. 263) vorwegnimmt.

Heiner Wittmann

Das Museum in der 51 rue Lecat in ROUEN